Wie das Blau des Phloxes
Tiefe verleiht dem Grün
an diesem trüben
kühlen Morgen.
Sonst
ist wenig Farbe
vorhanden.
Dunkel
Ich weiß nichts
weder wo die Worte geboren werden
noch wo die Liebe geboren wird
oder aber ich weiß schon zuviel
also hüllt mich alles in Dunkel ein
denn alles ist Dunkelheit
aus „Eine Handschrift gefunden im Schlaf“
aus dem Polnischen übertragen von Karin Wolff
Evangelische Verlagsanstalt Berlin 1985
(Das Bild gehört eigentlich nicht dazu. Paszt dann aber doch irgendwie -
Ich habe es vor über zehn Jahren gemalt. Es heiszt "Zwielicht des Jetzt. Wenn der Schläfer erwacht")
Das kleine Mädchen mit dem Stern auf der Stirn, das mit dem Tanz auf dem großen Gummiball, ist an der Reihe. Der Ball kommt hereingerollt, und hinter ihm läuft das kleine Mädchen mit dem Stern auf der Stirn. Ist das ein wunderschöner Stern! Leuchtend, glänzend. Und das kleine Mädchen, ein ganz niedliches, zartes Engelsgeschöpf mit (Wunder der modernen Technik) wunderhübschen, prächtigen kleinen Flügeln auf dem Rücken. Es macht eine solch reizende Verbeugung, dass die Zuschauermenge in Beifall ausbricht. Jetzt macht es sich bereit, auf den Ball zu steigen. Gedämpft fängt die Musik an zu spielen, während die Lichter ausgehen. Nur ein Scheinwerfer beleuchtet das kleine Mädchen mit dem Stern auf der Stirn, und alle sehen es hingerissen an. Manch einer hat es bereits lieb, manch anderer, der das Kunststück schon anderswo gesehen hat, staunt, wie sich das kleine Mädchen in einem Jahr ein solch engelhaftes Gesicht zugelegt hat (Wunder der Schminkkunst; so jung und schon so erfahren in der Kunst des Sichzurechtmachens). -. Es springt auf den Ball, der auf den Schub davonrollt, und tanzt, wie man in dieser Stadt nie zuvor und keiner der Zuschauer je zuvor hat tanzen sehen. Es fliegt ja beinah wie ein Engel. Und unendlich weich, zärtlich begleitet es die Musik zu dem zauberischen Tanz.
Schließlich rollt der Ball mitten in die Arena aus und die Musik hört auf zu spielen. Die Menge will stürmisch Beifall klatschen und wartet darauf, dass das kleine Mädchen mit dem Stern auf der Stirn auf den Boden springt. Statt dessen aber schlägt die kleine Tänzerin mit den Flügeln, erhebt sich langsam und sicher zum Flug, steigt hinauf bis zu dem Kronleuchter in der Mitte und fliegt, durch den großen Schlitz davon, während Beifallsgewoge aufbraust und das Jubelgeschrei die Zirkuspferde erzittern lässt. Die Menge ist ganz außer sich vor Begeisterung und will eine Zugabe: Man möchte ihr doch wenigstens das letzte Stück Flug, von der Arenamitte zum Kronleuchter hinauf und weiter (ein wahres Wunder der modernen Technik), noch einmal gönnen.
Der Direktor weiß sich aber gerade den großen Flug nicht zu erklären, läuft in die Garderobe des kleinen Mädchens und findet es dort tatsächlich auf dem Bett, ohne den Stern auf der Stirn, eiskalt, tot, ohne Puder und deswegen noch ein bisschen hässlicher als sonst. Sie hat sich nicht einmal ihr Kostüm für den Auftritt, den Flügel und den Stern aus dem Reisekoffer geholt.
Für sie, für die kleine Tote, hat das letzte Mal ein richtiger Engel aus dem Paradies getanzt.
Enrico Morovic
- aus dem Ital. von Sabine Schneider –
Rohwolt Verlag




Für ein einziges Leben
Ist das nicht zu viel Schmerz
für ein einziges Leben
Und der Lebensläufe zu viele
für ein einziges Leben
Zu viele Tode
für ein einziges Leben
Und immerfort neue Geburten
für ein einziges Leben
Und das was endet
für ein einziges Leben
Und das was sich nicht enden lässt
für ein einziges Leben
Ein zu großer Hunger
für ein einziges Leben
Und zu wenig Mensch
für ein einziges Leben
aus „Eine Handschrift gefunden im Schlaf“
aus dem Polnischen übertragen von Karin Wolff
Evangelische Verlagsanstalt Berlin 1985
Es ist neun Uhr. Ein stiller Sonntagvormittag...
Auf dem Hof ein Riesenlärm. Familie Meise ist samt Kinderschar an der Futter-Schale angekommen. Das ist ein Geschniepse und Gezierp, ein Wimmeln und Flattern. Ich zähle sieben. Genauer kann ich es nicht sehn. Nicht um die Ecke schauen. Ich knacke schnell noch paar Walnüsse auf und als ich die Hoftür öffne, schnurrt alles lautstark ab. Oder versteckt sich ganz einfach unterm Farnkrautbusch.
Tür zu, schon ist man wieder da. Nachschub wird verspeist.
Bei den Amseln oben unterm Fenster geht es leiser zu. Aber die Jungen sind nun schon fast grosz. Habe sie alle tüchtig mit Wassernebel versehen dieser Tage. Da haben sie ihre Schnäbelchen gereckt.
Bald werden sie ausfliegen. Dann gibt es Lock-und Warnrufe wieder. Aber so laut wie Familie Meise ist sonst keiner...
Es gibt eine Güte
Es gibt eine Güte
die nichts verlangt
und sie ist mir versagt
Es gibt eine Liebe
die alles verlangt
und sie ist mir versagt
Und es gibt eine Wärme
der alles zu wenig ist
ich bin diese Wärme
aus „Eine Handschrift gefunden im Schlaf“
aus dem Polnischen übertragen von Karin Wolff
Evangelische Verlagsanstalt Berlin 1985
An der Paradiesesgrenze
Sonderbar
daß hier noch immer
grüne Täler sind als schliefe in ihnen das Glück
und schattige Bäche
von denen man einst ganz sicher wusste
dass es sie gibt
und daß da noch solche Dächer sind
unter denen kleine Kinder schlafen
und das Haus ist dann erfüllt von einer völlig andren Stille
Sonderbar
daß Wolken bei uns noch immer mit der Sonne segeln
wie rauschende Vögel
und daß es noch die einfache menschliche Güte gibt
außer dem was sich nach oben rankt
daß reine Musik in den Türen steht
die plötzlich in die Kreuzgänge eines Palastes verwandelt scheinen
Sonderbar
daß wir noch immer
so lieben und weinen wollen
aus „Eine Handschrift gefunden im Schlaf“
aus dem Polnischen übertragen von Karin Wolff
Evangelische Verlagsanstalt Berlin 1985