"Hochbegabt, vielbegabt, hochsensibel, ADHS oder Autismus-Spektrum?
Der Schlüssel, der endlich die richtige Tür öffnete"
...ist das Thema der Blogparade von Dr. Hanna Steffen.
*
Ich war ein seltsames Kind.
Spielte am liebsten allein. Andere Kinder waren mir zu laut.
Ihre Spiele zu unverständlich.
Ich mochte weder Blickkontakt, noch jemandem die Hand geben.
Strichen mir irgendwelche Erwachsenen übers Haar, lief ich weg.
Soziale Situationen verstand ich nicht, in Gruppen war ich verloren.
Solange man klein ist, geht das ja noch durch.
"Das gibt sich! Sie ist ja noch so klein"
Doch das gab sich nicht. Ich habe ganz vieles einfach nicht verstanden.
Ich lernte durch Erziehung. Das war sowas wie Dressur.
Du muszt dasunddas tun! - Warum? - Das gehört sich einfach so!
Also tat ich. Kam irgendwie durch. Ohne Sinn darin zu sehen.
Nur das mit dem Grüszen klappte nie. Wie sollte ich wissen, wen ich
da grüszen soll, wenn die Leute immerzu andere Kleidung anhaben?
Gesichter erkannte ich nicht.
Das Nachmachen, das Orientieren an anderen...war für mich keine gute Idee.
Tat ich genau das, was andere machten...war es bei mir meist verkehrt.
Das habe ich als Kind schon begriffen.
Gruppensituationen verstand ich nie.
Das führte unweigerlich zu Mobbing, wie man es heute nennt.
Die Schulzeit war ein Alptraum. Eigentlich lernte ich gern ,
doch ich kam meist nicht dazu vor Weglaufen und Mich-verstecken-Müssen.
Von kleinen Blessuren bis zu schwerer Körperverletzung war alles dabei.
Ich verliesz die Schule restlos traumatisiert.
Habe bis heute Alpträume.
Ich schlug mich durchs Leben, mal besser mal schlechter.
Löste meine Probleme allein, eben auf meine Art.
Andere Menschen waren für mich wie hinter einer Glaswand.
Da bittet man nicht um Hilfe. Da spricht man niemanden an.
Ich suchte mir Arbeit aus, wo ich möglichst allein arbeiten konnte
Ging Putzen. Oder als Briefträgerin.
Machte mich selbstständig, um dem ewigen Mobbing zu entgehn.
Meine lesbische Neigung konnte ich nicht ausleben.
Weibliche Kommunikation blieb mir immer ein Rätsel.
All das Ungesagte. Wünsche von den Augen ablesen - wie sollte das gehn?
Und dieser ganze komplizierte Gefühls-und Befindlichkeitskram,
den verstand ich ja schon in Romanen nicht.
Mit Männern - Freunden oder Kollegen - war es unkomplizierter für mich.
Unter Aufbietung aller Energiereserven kam ich irgendwie durch.
Paszte mich an. So gut ich konnte. Und blieb doch immer seltsam. Fremd.
Bis zum 30. Lebensjahr funktionierte das recht gut.
Danach nahmen die Kräfte ab und es begannen die Probleme.
Dazu kam: unser Land war plötzlich weg.
Wo es eine klare Struktur gab, das Leben geregelt war und relativ reizarm.
Wo jeder seine Nische finden konnte.
Wo man Arbeitsplätze ein Leben lang sicher hatte.
Plötzlich war alles zu schnell, zu grell, zu laut und scheinbar nur noch Chaos.
Ich ging ziemlich tief unter. Kam nie mehr wirklich nach oben.
Besonders wirtschaftlich nicht.
Dabei hab ich so vieles versucht!
Und vielbegabt bin ich eigentlich auch. Es hat mir nur nichts genützt.
In einer Welt, wo soziale Fähigkeiten plötzlich wichtiger waren als Fachkompetenz.
Ohne Netzwerke und Beziehungen ging nix mehr.
Das schöne bunte und grenzenlose neue Leben zog an mir vorbei.
Ich landete ganz unten.
Ich fragte mich oft, wieso andere es schafften. Die doch auch nicht
klüger oder besser ausgebildet waren als ich -
Ich kam nicht darauf. Und es gab niemanden, den ich fragen konnte.
Irgendwann las ich etwas von Hochsensibilität.
Da paszte sehr vieles: die Erschöpfung, Reizüberflutung, das Rückzugsbedürfnis.
An einem Punkt blieb ich aber hängen - die Stimmung der anderen Menschen
erfassen - wie soll denn das gehen? Wenn es einem nicht gesagt wird?
Nein, das war es also auch nicht.
*
Mit 48 bekam ich die Diagnose Asperger-Autismus.
Und erst in diesem Zusammenhang erfuhr ich, dasz es eine nonverbale
Kommunikation überhaupt gibt -
Erkennen bzw. deuten kann ich sie trotzdem nicht.
Ansonsten hat das schon vieles für mich erhellt. Ich konnte endlich aufhören,
mir Vorwürfe zu machen. Dasz ich nicht schaffte, was andere schafften.
Es war Erleichterung zu erfahren, dasz ich eben wirklich anders bin.
Was ich ja nie sein wollte.
Nun liesz sich im Nachhinein vieles begreifen.
Etwas davon ungeschehen machen ging natürlich nicht.
Das Leben war so ziemlich gelaufen.
Und es war nun mal der falsche Film. C'est la vie!
Zurück blieben Armut und ein Erschöpfungssyndrom.
Ich wurde bald darauf aussortiert und berentet.
Mit der Hälfte des Existenzminimums.
(das geht aber anderen ganz ähnlich)
*
Ja die Tür zum eigenen Verstehen wurde geöffnet.
Anders wird das eigene Leben dadurch aber kaum.
Mein Umfeld akzeptierte die Diagnose nicht und, z.B. bei Ärzten,
habe ich es mir längst wieder abgewöhnt, dies zu erwähnen.
Da erntet man von Kopfschütteln bis Aversion/Aggression so ziemlich alles.
Nur eines nicht: Verständnis für die Andersartigkeit oder gar Hilfe.
Von einer Traumatherapie bin ich als Autistin ausgeschlossen.
In einem Krankenhaus wurde ich absichtlich in das Vierbettzimmer gesteckt.
Also lieber nichts davon sagen!
Im persönlichen Umfeld das gleiche.
Mutter meinte nur: Eine tolle Ausrede für Bequemlichkeit!
Und es wurde mir weiterhin all das abverlangt, was ich nicht konnte.
Wofür ich selbst gern endlich einmal Hilfe gehabt hätte.
Telefonieren, mit Ärzten reden, mich in riesigen Gebäuden zurechtfinden,
lange Zeit durch laute Autostraszen gehen als Begleitung...
Nein, das bisherige äuszerliche Leben ändert sich dadurch nicht wirklich.
Ganz ohne Anpassung geht es nicht. Auch jetzt nicht.
Die Auszenwelt ist die Mehrheit sozusagen.
Da bleibt höchstens der Rückzug von allem.
Und ich bin längst die "komische Alte" mit meinen Sechundsechzigeinhalb.
In jungen Jahren kann man doch vieles besser wegstecken.
Ticks und Auffälligkeiten verbergen.
Schiefgelaufene Situationen und Miszverständnisse überspielen.
Später gelingt das nicht mehr so gut.
Da wird man wieder auffälliger, wie in der Kindheit.
Die Zeit zwischen 20 und 30 bleibt die Beste:
bis dahin hat man gelernt, möglichst unauffällig zu funktionieren
und man hat meist auch die Kraft dazu, das so durchzuziehn.
*
So, das war meine Geschichte in Kurzform.
Was mir noch sehr wichtig ist zu sagen:
ich bin nicht glücklich damit, dasz es in den letzten Jahren immer mehr
zur Praxis geworden ist, ADHS und Autismus in einem Atemzug zu nennen.
Weil es einfach völlig unterschiedliche Dinge sind.
Natürlich können auch Autisten ADHS-Anteile haben und umgekehrt
(man kann auch ein Gipsbein und noch die Masern dazu haben)... aber aus
meiner Erfahrung sind es in den Hauptzügen
zwei sehr unterschiedliche Neurodivergenzen.
Autisten haben oft eingeschränkte Interessen, die sie aber gründlich
und lange Zeit (ein Leben lang) verfolgen - während sich ADHSler
für vieles begeistern und das auch schnell wieder fallen lassen.
Autisten fokussieren sich ganz und gar auf etwas, ADHSler werden leicht abgelenkt.
Autisten brauchen klare Regeln und sie halten sich daran, sind meistens
pünktlich - was ich von mir bekannten ADHSlern so nie erlebt hab.
Und: ADHSler haben durchaus gute soziale Fähigkeiten und können sie
erfolgreich einsetzen - was Autisten so nie gelingt!
Ich verstehe nicht ganz, warum viele Menschen nach einer ADHS-Diagnose
dann auch gleich noch Asperger-Autismus für sich beanspruchen.
Das scheint grad irgendwie Mode zu sein -
Und es führt zu falscher Wahrnehmung von Autismus. Der dann schnell wieder
heruntergespielt wird, so dasz von Autisten Dinge verlangt werden, die
sie nicht leisten können bzw. die nötigen Hilfen werden versagt.
Damit ist Asperger-Autisten dann ein Bärendienst erwiesen!
Und ich möchte noch einmal betonen: ein Asperger-Syndrom wünsche ich
niemandem! Weil es einfach die Arschkarte ist!
*
Beenden möchte ich meinen Post mit einem Text, den ich einmal
für jemanden schrieb. Er ist schon älter. Gilt aber immer noch.
*Wenn du andere Menschen wie hinter einer Glaswand wahrnimmst,
die du nicht durchdringen kannst
- dann ist das Autismus.
Wenn du Mimik nicht sehen/nicht deuten kannst und selbst kaum
welche hast und kein soziales Lächeln
- dann ist das Autismus.
Wenn Du Menschen nicht ansprechen kannst,
nicht um Hilfe bitten, nicht nach dem Weg fragen
- dann ist das Autismus.
Wenn deine Empathie niemals intuitiv ist, sondern rein rational über
den Abruf selbst ähnlich erlebter Situationen zustande kommt
- dann ist das Autismus.
Wenn du für andere seltsam erscheinende Interessen verfolgst
und dich ganz und gar auf diese fokussieren kannst
- dann ist das Autismus.
Wenn dich Spontanität restlos überfordert und du deine eigenen Abläufe,
Ordnungen und Rituale brauchst um zu funktionieren
- dann ist das Autismus.
Wenn Reisen, Hotels, Krankenhäuser oder sonstige fremde
Umgebungen und Situationen,
für die du (noch) kein Handlungsmuster hast, kaum zu meistern sind
- dann ist das Autismus.
Wenn dir ein klingelndes Telefon oder unerwarteter Besuch vor der Haustür
wie ein schwerer Raubüberfall vorkommt
- dann ist das Autismus.
Wenn du dich nicht fotografieren lassen magst,
nicht ständig Selfies oder Reels von dir postest
- dann ist das Autismus.
Wenn du keinen Smalltalk beherrschst und meinst, du solltest auf die Frage
"Wie gehts?" eine ausfühliche Antwort geben
- dann ist das Autismus.
Wenn du mehreren durcheinander sprechenden Personen
an einem Tisch nicht folgen kannst
- dann ist das Autismus.
Wenn du Gemeinschaftsgefühl oder Zugehörigkeit nicht kennst und nicht einsiehst,
warum du Gruppenmeinungen unreflektiert zu deiner eigenen machen solltest
- dann ist das Autismus.
Wenn du dir keine sozialen Kontakte und Netzwerke schaffen kannst,
weil du ganz einfach die Mechanismen dahinter nicht verstehst
- dann ist das Autismus.
Wenn du Treffen mit zwanzig, dreiszig, fünfzig Frauen nicht organisieren kannst,
denn keine würde deiner Einladung folgen...
- dann ist das Autismus.
Wenn du dich in gröszeren Gruppen sehr unwohl fühlst und du nach
kürzester Zeit deinen Rückzug brauchst
- dann ist das Autismus.
Wenn du unter permanenter Reizüberflutung leidest, also helles Licht, Verkehrlärm,
Dudelmusik und den Grundlärm in gröszeren Speisesälen nicht ertragen kannst
- dann ist das Autismus.
Wenn du soziale Normen und Regeln niemals begreifen lernst
so sehr du auch zur Anpassung erzogen worden bist
- dann ist das Autismus.
Wenn du nicht einmal weiszt, dasz es nonverbale Kommunikation
überhaupt gibt
- dann ist das Autismus.
Wenn dir viele Verhaltens-, Denk- und Urteilsweisen anderer Menschen
seltsam und unlogisch erscheinen
- dann ist das Autismus.
Wenn du keinen Subtext (er)kennst und deine Worte
nur im einfachen Wortsinn gemeint sind
- dann ist das Autismus.
Wenn Du anderen nicht in die Augen schauen magst,
weil dich das zutiefst irritiert und vom Wesentlichen ablenkt
- dann ist das Autismus.
Wenn du trotz fachlicher Kompetenz kaum je einen Job bekommst,
weil du das soziale Darumherum nicht bringst,
- dann ist das Autismus.
Wenn du vor Verlassen des Hauses jede mögliche soziale Interaktion wie eine Rolle
einstudieren muszt und dir drauszen dann doch immer der Souffleur fehlt,
- dann ist das Autismus.
Wenn jegliches Zusammensein und Interagieren mit anderen
ein Quelle für Megastresz statt Freude und Energie ist
- dann ist das Autismus.
Und soweiterundsofort.
Verständlich erklären kann man es sowieso nicht.
Wie sich das anfühlt, wissen nur die, die es selbst betrifft.