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Donnerstag, 3. Mai 2018

Stadt - Land - Versorgung


Susanne fragt in ihrer Aktion Stadt-Land diesen Monat nach Versorgung.



Die Wasserversorgung ist gesichert ;-)

Mit anderen Sachen sieht es nicht immer so gut aus.




Leider werden Lebensmittelmärkte fast nur draussen vor der Stadt auf die grüne Wiese gebaut. Das nimmt Insekten und anderem Getier den Lebensraum und nichtmobilen Bürgern die Chance, sich schnell mal zu holen, was gerade nötig ist.
2016 schlossen gleich 3 der kleineren Märkte in Wohngebieten bzw. Innenstadt,
 was das Problem wesentlich verschärfte.
Es wird ja argumentiert, dass es noch einen (!) Versorger in der Innenstadt gibt, aber der hat - nun konkurrenzlos - seine Preise derart erhöht, dass mit geringer Rente nichts anderes bleibt als eine Busfahrt nach weit draussen plus Hamsterkauf. 
Wobei die Busse extrem unwillig sind, grössere Gepäckstücke oder sperrige Gegenstände mitzunehmen, dann darf man den Rückweg zu Fuss antreten,
 so man dies noch kann oder muss sich ein Taxi rufen.
Stadtbusse grasen normalerweise auch die gesamte Prärie ab und sind dann auch für eine Strecke 45 min unterwegs - da kann man schon viel Zeit dafür einplanen und sie fahren auch nur aller 30 bzw. 60 Minuten.


Ich bin glücklich, noch Fahrrad fahren zu können, aber natürlich habe ich nicht immerzu Lust auf Lärm und Gefahren dieser grossen Strassen, so dass ich meine Einkaufsfahrten auf 1-2 mal im Monat beschränke.
Neuerdings gibt es in der Innenstadt wieder zwei kleine Gemüsehändler
 (Vietnamese und Türke), und der zweimal wöchentliche 
Markttag mit 4-5 Ständen ist auch ein gutes Angebot.
Sonst wäre vernünftige Ernährung kaum möglich.




Fleischerläden gibt es mehrere, aber für mich nicht von Bedeutung bzw. für bezahlbares Katzenfleisch (Rinderherz) muss ich sowieso in den Grossmarkt, das wird sonst zu teuer.
Einen Öko-Markt gibt es auch noch und ein Reformhaus, 
aber dort könnte ich niemals einkaufen.
Glücklicherweise ist noch ein "Pferdmann"-Drogeriemarkt in der Stadt, nachdem leider auch "dm" sich nach draussen expandiert hat und nun von mir nicht mehr frequentiert wird - schade darum! Die hatten so schönes Angebot, auch glutenfreies Brot, das krieg ich nun in der Nähe gar nicht mehr.
"Albi" ist ja auch weg. Seufz!


*




Die Touristenstadt ist natürlich voll von teuren Klamottenläden, Schuhgeschäften etc. 
In den meisten war ich noch nicht einmal drin. - Zu preisintensiv!




Folglich kaufe ich Schuhe und Kleidung meist online bei "Amazonas" , "Teichmann" oder "Bonp..x". Gut finde ich das jedoch nicht! Denn es wäre mir wesentlich lieber, die Sachen erst einmal in der Hand zu halten, Material zu fühlen, 
anzuprobieren... bevor ich bezahle.
Natürlich ist immer Rücksendung möglich, aber das erhöht Co2-Ausstoss und verschwendet Ressourcen für Verpackungsmaterial
 und ist so gesehen auch lieber zu vermeiden.
Auf ökologisch und fair produzierte Sachen kann ich nicht achten,
 das ist einfach nicht drin!



Früher hatte das DRK eine grosse Kleiderkammer, da habe ich mich meist dort versorgt und damit Nachhaltigkeit praktiziert... aber inzwischen wurde dieses Angebot auf ein Minimum reduziert und da kriegt man rein garnix mehr.
Auch Flohmärkte oder kommerzielle Altkleiderfirmen sind ohne Auto unerreichbar.
 Sozialkaufhaus, Oxfam oder ähnl. gibt es hier nicht.
Einen priv. Gebrauchtmöbelhändler mit absolutem Schrott zu Wucherpreisen, aber Möbel braucht man ja eh nicht, wenn man schon welche hat. Oder ich finde mal ein Stück auf dem Sperrmüll, das sich aufarbeiten, anstreichen lässt...


Mit einem normalen Einkommen, ohne permanent auf Angebote, Halbpreis-Verfalldatums-Produkte und "Tafel" angewiesen zu sein.... würde ich meinen gesamten tägl. Bedarf nur noch online bestellen, das würde meine unerquickliche autolose Situation ungeheuer erleichtern und eine Menge Lebensenergie sparen.
Langfristig läuft es in strukturschwachen Regionen wohl ohnehin darauf hinaus.

Bücher und Medikamente bestelle ich schon lange nur noch online,
 Apotheken vor Ort sind zu teuer. 
Und der Weltwild-Buchladen besorgt keine Bücher ausserhalb 
des eigenen Katalog-Sortiments.
Ich mag sie sowieso lieber günstig und gebraucht.

Ja, da wird immer geschimpft auf den Amazonas-Giganten, aber wo die Ursachen
 für dessen Expansion liegen, fragt keiner so genau -

*

Unser einziges Kino wird seit 2 Jahren umgebaut, soll aber wieder eröffnen.
Nun, das Programm dort reizt mich nicht, und so war ich seit fast 30 Jahren in keinem Kino mehr. Autolos ist kein Interessanteres zu erreichen.

Immerhin haben wire noch eine Stadtbibliothek.

*



Die Gottesdienst-Angebot der Volkskirchen halte ich für ausreichend, 
gemessen an der Besucherzahl.
Die Ev. Freikirche ist in 3 ihrer versch. Strömungen präsent, die Lutheraner (SELK) 
haben eine kleine, die Neuapostolen eine grössere und sehr engagierte Gemeinde.
Wir gehen dort zweimal im Jahr zum Blutspende-Sonntag und geniessen 
die angenehme und herzliche Atmosphäre.
Die Wachturm-Gemeinschaft hat ihren Königssaal im nächsten Dorf neu gebaut
 (sie waren früher in der DDR verboten).
Andere, wie z.B. Adventisten, Orthodoxe, Christengemeinschaft, Mormonen,  Bahai, buddistische oder moslemische Gemeinschaften oder eine Synagoge 
sucht man hier vergebebns.


*

Die medizinische Versorgung ist katastrophal und häufig nicht zu kriegen.
Die gut funktionierenden Strukturen der DDR-Versorgung (Polikliniken) wurden zerschlagen, die teils sehr guten Ärzte von damals sind längst in Rente oder verstorben. Neue siedeln sich hier zu wenige an.

Es gibt ein Klinikum mit schlechtem Ruf, den ich von Mutters dortigen Aufenthalten nur bestätigen kann. Über meine eigenen Erfahrungen mit dem Klinikum der Nachbarstadt erzähle ich lieber gleich garnix.
Sollte ich jemals noch bei Bewusstsein/Kräften sein, werde ich mich mit Händen und Füssen gegen erneuten Aufenthalt dort wehren.

Es gibt Allgemeinärzte, aber fast niemand nimmt neue Patienten auf und die zwei Neurologen, die Hautärztin etc. tun das schon gar nicht. No way!
Der einzige Augenarzt der Stadt ist unter aller Würde und so versucht fast jeder, woanders unterzukommen. Deswegen kriegt man auch in keiner auswärtigen Praxis im Umkreis von 100km überhaupt noch einen Termin. Oder man muss, trotz Kassenpraxis, erstmal 100 Euro privat hinlegen für "umfassende Beratung" - -

Exoten wie Proktologen, Endokrinologen, Rheumatologen sucht man vergebens oder bekommt Termine in bis zu einem Jahr und oft ist es der einzige Weg, sich stationär einweisen zu lassen (irgendwo auswärts),
 wenn man dringend eine Untersuchung braucht. 


Ich war ja gerade fast 2 Monate krank: mein übliches chron. Schmerzsyndrom war plötzlich so heftig wie noch nie! Hätte nur noch schreien können und konnte ohne Gehhilfe nicht mehr laufen. Aber der einzige Orthopäde empfängt mich erst in 4 Monaten - 
bis dahin ist es auch von selbst vorbei.

Bei einem Blutspende-Termin wurde mir gesagt, dass mein Hämoglobin-Wert zu niedrig ist. Daraus folgerte ich, dass mir Eisen fehlt und seit ich dieses nun nehme, sind die Schmerzen auf das übliche Ausmass zurückgegangen -
 es war also ausserdem noch ein muskuläres Sauerstoffmangel-Problem.
Gut, selbst ein Minimum an med. Ausbildung zu haben!
Blutspenden ist oft die einzige Möglichkeit, um an ein Blutbild und Infos heranzukommen, die einem dann bei der Selbsthilfe nützen.
Natürlich tue ich es nicht nur deswegen, sondern auch aus Überzeugung.
Aber es ist gerade in ärztl. unterversorgter Region nicht zu unterschätzen.


Das Allerschlimmste ist jedoch der sonntägliche Bereitschaftsdienst.
Ja, es gibt eine kassenärztl. Notsprechstunde mit einem Allgemeinarzt, 
soviel ist gesichert.
Aber bis zum Zahnarzt darf man dann schon manchmal eine Stunde Bus fahren,
 sofern am WE überhaupt ein Bus fährt.
Und Facharzt-Bereitschaft wird inzw. über mehrere Landkreisgrenzen hinweg organisiert.
Meine 90jährige Mutter wurde mit ihrem Augeninfarkt vom Landkreis Harz 
bis in den Salzlandkreis geschickt.
Zum Glück war sie in der Lage, mehrere Hundert Euro Taxikosten aufzubringen.
Wer das nicht kann, dem gnade Gott!

*

Es gibt mehrere städtische Kindergärten und Krippen, ob das Angebot ausreicht, kann ich nicht beurteilen. Zwei Evangelische Kindergärten gibt es auch und einen Waldorfkindergarten für max. 35 Kinder (Angabe von der Website).
Die nächste Waldorfschule ist über 1h Busfahrt entfernt und von einer freien Schule lese ich gelegentlich in der Zeitung, aber soweit ich mitbekommen habe, scheint diese Initiative inzwischen wieder abgewürgt.
Es gibt mehrere städtische Grund- bzw. Gesamtschulen , eine Schule für Lernbehinderte, eine Förderschule für geistig Behinderte und zwei Gymnasien, eines mit speziellem Musikzweig und sehr gutem Chor.
Mehr Auswahl hat man nicht.
Die umliegenden Dörfer verfügen idR nicht über eigene Schulen.
Und gerade zum April wurde der Busfahrplan geändert 
und die Schulbusse ersatzlos gestrichen.
Da half aller Elternprotest bisher nichts.

*

Ich sehe jede Menge Rückschritte in dieser Welt der unbegrenzten Möglichkeiten.
In grösseren Städten mag es besser aussehn.
Aber es gibt ganz sicher Regionen, die noch wesentlich schlechter dran sind als wir,
 wo ganze Dörfer veröden und Infrastruktur kaum noch existiert.
Blühende Landschaften, wo sich Natur ihr Terrain zurückerobert...


Mittwoch, 4. April 2018

Stadt - Land - Menschen



Wie ist das bei Euch so?

Wer lebt denn so bei euch?
Was sind das für Menschen?
Eure Nachbarn?
Der Ort?
Gibt's bei euch auch Horden von Touristen?
Wie steht es mit den Flüchtlingen?
Wie sieht es aus mit Menschen aus Afrika?
Reich und arm?
Ach, ich könnt' mich deppatfragen.
Jung oder alt, oder beides?
Viele Kinder?
Wen kennt ihr denn so aller?
Kennt ihr euren ganzen Ort? Gibt's das noch?

Das sind die Fragen, die Susanne uns diesen Monat stellt.


Fragen, die für mich nicht einfach sind.
Menschen sind wohl das Schwierigste überhaupt.



Nein, ich kenne nicht den ganzen Ort, bei ca. 30 000 EW geht das nicht mehr.
Ich kenne ja nicht einmal meine allernächsten Nachbarn.
Die Namen erfahre ich höchstens mal zufällig, wenn die Post Briefe
 falsch zugestellt hat. Kontakte gibt es nicht.
Wenn sich Nachbarn durch die Gartenhecke quetschen, meine Beete zertreten 
um ihren verschossenen Fussball wiederzuholen, tut mir das zwar in der Seele weh, 
dagegen wehren kann ich mich jedoch nicht.
Sowas bringe ich nicht. Besser also gar nicht hinschauen.
Und irgendein Ansehen hab ich hier sowieso nicht. 
Ich hatte es ja schon im Startbeitrag angedeutet: ich bewohne 
das "Armenhaus" dieser sauberen ordentlichen Strasse. 
Wo man nach Automarke und Besitz eingeordnet wird.

*
Menschen gibt es in meinem Leben nur sehr wenige.
Die meisten leben ausserhalb dieser Stadt bzw. sind irgendwann hier weggezogen.
Ich kenne kaum jemanden hier.
 Dagegen gibt es aber wohl ziemlich viele, die mich "kennen" (ohne je
 mit mir gesprochen zu haben), tuscheln oder mich gelegentlich 
auch offen  anpöbeln
 So ist das eben, wenn man hier anders ist. Behindert. 
Zu bunt oder sonstwas. Deplatziert.

*

Dabei bin ich im Wesen nicht feindselig. 
Naiv und vertrauend (bis zur gegenteiligen Erfahrung).
Ich freue mich, wenn jemand freundlich ist zu mir. 
Kann dann nicht einschätzen, wie ehrlich oder "zweckgebunden" das gemeint ist.
Nehme Versprechungen ernst, die offenbar nur so dahingesagt waren.
Gehe oft irgendjemandem auf den Leim, lasse mir etwas aufschwatzen,
 mich zu irgendwelchen unbezahlten Aufgaben überreden etc.
Wenn ich das dann erledigt habe, kommt nicht selten der symbolische
 Tritt ins Kreuz. Dann bin ich nicht mehr nötig.
 Dann braucht man mich nicht mehr.
Habe inzwischen aufgegeben, mich in Kirchengemeinde oder sonstwo zu engagieren.
 Immer die Arbeit zu tun ("wenn sie nun mal so blöd ist - - "). 
Zu persönlichen Kontakten hat das leider doch nie geführt.
Und selbst mal um Hilfe bitten kann ich sowieso nicht.
Oder nur irgendwo nach dem Weg fragen.

*

Ja, Scharen von Touristen gibt hier, davon lebt die Stadt.
Ausländer, die dauerhaft hier wohnen, sind eine verschwindende Minderheit.
Hauptsächlich Vietnamesen, die die DDR seinerzeit als Gastarbeiter ins Land geholt hat. Sie lebten damals völlig abgeschottet in Wohnheimen, Kontakte zur Bevölkerung waren unerwünscht und wurden erfolgreich verhindert. Ähnlich war es mit jungen Leuten aus Afghanistan, Mosambique oder Laos, die kurzzeitig zwecks Ausbildung und Arbeit hier weilten. Immer hübsch getrennt. Vermutlich liegt darin die unrühmliche Ausländerfeindlichkeit der östl. Bundesländer begründet: die Erfahrung von Fremden als ganz normale Mitbürger und Nachbarn wurde uns verwehrt. 
Das wirkt bis heute nach.

Die  in den Wirren der Wendezeit hier gebliebenen Vietnamesen sind asiatisch freundlich, aber sonst eine Gruppe, die unter sich bleibt. Schlechte Erfahrungen inclusive, von den Bevölkerung abfällig "Fidschis" genannt (warum, habe ich nie verstanden). Sie schlagen sich als (teils mobile) Textilhändler durch, betreiben preiswerte Restaurants und Imbisse. Reich  werden sie dabei ganz sicher nicht - den einen Imbissbetreiber sahen wir auf dem Hartz-IV-Amt sitzen. Vermutlich genauso ein sogenannter Aufstocker, wie ganz viele Arbeitnehmer, deren Einkommen unterhalb  der Sozialleistungen liegt. 
Der Billiglohnsektor ist das Einzige, was hier funktioniert.
Eine ganze Menge Spätaussiedler sehe ich bei der Tafel stehen. 
Kontakt zu uns Einheimischen ist aber ihrerseits wohl nicht so erwünscht.
Manchmal auf dem Amt sehe ich jemanden aus Afrika, aber selten.
Flüchtlinge sehe ich kaum. In der Zeitung stand mal etwas von 19 Jugendlichen,
 die in einem Heim von wesentlich mehr Fachkräften betreut würden.
Das muss alles sehr gut organisiert und ordentlich sein.

Ich persönlich würde mich gern in der Flüchtlingsarbeit engagieren, doch ohne Auto 
fehlt mir dazu die Möglichkeit. Denn ich müsste in eine andere Stadt fahren, 
wo das Aufnahmelager ist.

Im grossen Ganzen habe ich mit Ausländern weniger Probleme als mit Landsleuten. 
Wenn beide gutwillig sind, ist die Sprachbarriere allemal zu überwinden (beim "Roten Kreuz" hatte ich damals eine Zeigetafel gemalt mit allem, was evtl. gebraucht wird) und da beide fremd sind, andere Sitten haben, ist vieles für mich leichter und ich muss nicht so viele ungesagte Erwartungen erfüllen,
 das, was ich oft nicht beherrsche oder verstehen kann.

*

Kinder gibt es inzwischen wieder mehr als in den Jahren nach der Wende.
Aber längst nicht so viele wie in der DDR.
Wenn ich damals samstags als Postfrau kam und die Sonne schien... dann wimmelte die Strasse vor den Häuserblocks nur so von Kindern , so dass ich 
mit meiner Postkarre kaum durch kam.
Ein Anblick, den es heute nicht mehr gibt.
Spielplätze sehe ich häufig leer bzw. nur zeitweise von Kindergartengruppen besucht.
Etliche Schulen wurden geschlossen und die, die zu meiner Schulzeit 800-900 
Schüler hatten, haben heute ca. 300 (Angabe aus Lokalpresse).

Durch die Hochschule sieht man viele junge Leute im Stadtbild.
 Aber die bleiben nicht hier.
Wer bleibt, sind eher Senioren. Die Bilder in der Zeitung 
 von der Frauentagsfeier im Rathaus zeigten einen Klub 70+.
So ist das fast bei jeder Veranstaltung.
Die Generation dazwischen pendelt oft weite Strecken zur Arbeit 
oder zieht ganz und gar weg.
Die bleiben (müssen), sind die Billiglöhner und Arbeitslosen.

*

Die Stimmung hier ist nicht unbedingt freundlich und zufrieden.
Eher aggressiv und von einer Zu-kurz-gekommen-Mentalität beherrscht.
Tendenz steigend.
Ich höre viel Gemotze und einer regt sich über den anderen auf, ob bei der "Tafel", oder was ich sonst so mitbekomme von Gesprächen auf der Strasse oder in Wartezimmern.
Die Facebook-Gruppe dieser Stadt mag ich deswegen gar nicht besuchen.
Und es passiert schon öfter, dass ich z.B. frühmorgens im Schritttempo durch die Fussgängerzone radelnd (offiziell bis 10:00 erlaubt), Sprüche zu hören bekomme a la "Die müsste man alle runtertreten, dass sie im Dreck landen!"

Wenn ich's vermeiden kann, gehe ich lieber nicht in die Stadt.


*
PS: Alles, was ich in meinem Blog schreibe, ist mein eigener, subjektiver Eindruck, meine persönl. Gedanken und Erfahrungen. Es erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, politische Korrektheit und wurde von mir auch nicht geschrieben, um jemanden zu beleidigen.
 Es ist alles rein sachlich gemeint.

Donnerstag, 8. März 2018

Stadt - Land - Wohnen. Teil II



Haus, Behausung, Heimstatt, Wohnstatt, Wohnsitz, Domizil...
 Schutz und Zuflucht, Rückzugsort, Obdach, Unterkunft, Quartier... 
Butze, Bude, Wohnung, Klause, Kartause - das alles ist eines und eines ist es immer.
Oder alles zugleich.

Hier mein persönlicher Teil zur Frage von Susanne 
nach dem Wohnen in Stadt und Land.



Durch einen unerwarteten Glücksfall kam ich vor bald 2 Jahrzehnten 
in dieses kleine alte Haus - ich hab es in meinem Vorwort  
zu dieser Aktion bereits erwähnt und beschrieben.

Endlich eine Bleibe, die dauerhaft ist!
Nie wieder Mietsorgen und andere Ängste, keine Abhängigkeit 
von Vermietern - das nimmt schon eine riesengrosse Last. 
Das weiss ich sehr zu schätzen.
Wissen, hier kann ich bleiben bis zuletzt, auch wenn es derzeit 
(noch) nicht mein Name ist, der im Grundbuch steht.


Ein für diese Gegend typisches kleines Fachwerkhaus, die Wände lehmverputzt.
 Dieser teils nur noch durch dicke Schichten Tapete gehalten.
Die unterste Makulaturschicht brachte Papier mit dem Aufdruck 1856 ans Licht. 
Angenommenes Baujahr also.

Klein und verwinkelt, die Treppe nach oben steil.
Eingeschossig mit ausgebautem Dachgeschoss ist die korrekte Bezeichnung.
Das hat Vorteile: bei Strassenreinigung und - Ausbau, Grundsteuern etc.
 ist das günstiger als ein doppelstöckiges oder höheres Haus. 
Also besser für winzige Rente. Freu.

Unten Küche, angebautes Bad, Schlafkammer und ein grosser Raum. 
Durch Herausnehmen einer Trennwand aus zwei kleinen Zimmern entstanden.
Oben mein kleiner Arbeitsraum und schräge Kammern, die Bleibe für Besuch 
sein können, wenn solcher dann mal kommt.
Nur teilunterkellert, gestampfte Erde darin, fusskalt im Winter der Rest.

Vergessen sind mittlerweile die Jahre in Dreck und Lehmstaub, Chaos, Provisorien.
Unbewohnbare Kammern, wo der Lehm von der Schräge fiel.
 Alte lose Dielenbretter, an denen man sich Splitter einriss. 
Trostloses Treppenhaus, Schräge mit Brettern vernagelt, 
aber die Waschären streckten trotzdem ihre Pfoten hindurch. 
Und sie kratzten mit diesen ganze Balken kaputt, warfen Ziegel von Dach.
 - Irgendwann ist Tierliebe dann auch mal zuende!


Inzwischen ein neu gedecktes Dach und kein Waschbärbesuch mehr 
und dann konnte darunter saniert werden.
Früher gab es jemand, der kam ab und zu, das zu tun, was ich selbst nicht schaffte. 
Wofür zwei schwache Frauenhände zu wenig sind.
In Zwischenzeiten Leben im Dreck, durchwinden durch Leitern, Gerüstteile etc.
Inzwischen gibt es ihn nicht mehr (Krebs rafft so viele dahin!) und damit 
für mich nun ein paar weitere Sorgen. 
Kleinkram, der erledigt werden muss, so gut es geht.
Das grosse Ganze hält hoffentlich durch.
Provisorien und sich-Einrichten mit dem, was nicht so wichtig, nicht so dringlich. 
Teils für längere Zeit (in einer Arztpraxis die Toilette benutzt, suchte ich hinterher nach dem Wassereimer zum Spülen - dass sowas mit Spülkasten geht,
 war mir nicht mehr bewusst - ).
Das alles geht, das ist nicht so schlimm. Ich war ja nie anspruchsvoll oder verwöhnt.
My home is my chastle...


Das meisste ist jetzt schön und bewohnbar, der Rest eben Abstellraum.
Firmen machen leider auch nicht alles, wie man es möchte (für teures Geld)
 und so hinterliess eine Elektrofirma denn einen Raum ohne Strom.
Selbst hätte man es anders gelöst, nur mit Strom bin ich vorsichtig. 
Da gehe ich nicht ran!




Den triesten zubetonierten Hof von damals habe ich längst aufgehackt 
und mit Sträuchern begrünt. Kletterrosen an die Schuppenwand.
Am Boden kriecht jetzt Efeu, wächst Moos, zwischen Ritzen Akeleien 
und Kräuter, selbst ausgesamt.
Wenn wir draussen beim Essen sitzen, beobachten wir 
geschäftiges Insekten-und Schmetterlingstreiben.
Auch der Garten ist kein gepflegter Rasen, sondern eher Wildblumenparadies
 und angepflanzte Stauden und Buddleia tun ihr Übriges dazu.
Eine Oase voller Leben.

Die Katze, halbverhungert im eisigen Winter, bat um Asyl. 
Ist nun ein schönes gepflegtes schwarzes Tier (schläft grad nebenan auf dem Bett).
Allerdings sind die Gartenvögel seither vorsichtiger geworden...

Der Gefährte wohnt separat mit seinen Büchern, 
aber wir sehen uns fast jeden Tag. Essen zusammen. 
Sofern wir nicht gerade unsere Frei-Räume brauchen. Die lassen wir uns.

Susanne fragte nach Einsamkeit - ein mir gänzlich unbekanntes Gefühl!
Alleinsein, selbst gewählt, kann etwas Wunderbares sein.
Isolation, zwangsweise - ist ein anders Gefühl. 
Wenn jegl. sozialen Strukturen und Kontakte fehlen. 
Aus verschiedenem Grund.

Autismus ist und bleibt eine Behinderung. Die man nur nicht so gleich sieht.
Trotz der einem ein ganz normales Leben abverlangt wird.
Rausgehen und durchziehen, all die Situationen, die für andere Menschen selbstverständlich sind. Klippen irgendwie umschiffen, sich vorher wappnen und alles überlegen, was einem begegnen könnte. Läuft es dann anders, steht man hilflos da und es fehlt der Souffleur.
Ticks und neurologische Auffälligkeiten immer zu verbergen ist anstrengend.
 Mit zunehmendem Alter immer mehr.
Heimkommen aus dem viel zu lauten Draussen und die Haustür hinter mir 
zumachen ist wie wenn der Vorhang fällt.
Zusammenbruch für die Tänzerin, die ihre Rolle gut getanzt hat,
 letzte Reserven aufgebraucht.
Endlich daheim!

Schön wohnen ist so ziemlich der einzige Luxus, den es in meinem Leben gibt.
Ganz viel anderes, normaler Lebenstil, Mobilität, Kultur , Ausflüge etc... fallen weg.
Treffen mit anderen Bloggerinnen, Workshops, gemeinsames Kreativ-Sein. 
Dinge, von denen ich so oft lese.
Wird es nie geben (können) für ich.

Dafür habe ich wenigstens das Haus.
Kartause.
Raum, mich selbst wieder zu sammeln und zu motivieren. 
Zu lesen und neues zu lernen.
 Input, immer ganz alleine und ganz von selbst gesucht.
Anders ist es eben nicht.

Endlich wird Frühling. Dann ruft mich der Garten...







Freitag, 2. März 2018

Stadt - Land - Wohnen. Teil I


Das Märzthema bei Susanne geht ums Wohnen, die eigene Situation und überhaupt.




Der Eigenheimanteil in Kleinstädten liegt vermutlich deutlich höher 
als in Wien und vergleichbaren Groszstädten.
Eine Statistik für unsere Stadt kann ich im Web nicht finden 
und mir ist auch nichts dazu aus der Presse bekannt.

Es gibt aber ganze Straszenzüge voll älterer Häuser, die seit Erbauung in Familienbesitz sind und nach Zusammenbruch der DDR gab es einen regelrechten Bauboom hier.
Häuslebauen ist einfach "in" und eine Immobilie eine Sicherheit
 in Zeiten unsicherer Renten.

In der DDR war das anders. Da kümmerten sich viele nicht so darum, schlieszlich waren die Mieten spottbillig (ich zahlte für 36 qm incl. Wasser, Abwasser, Müllgebühr 18 Mark im Monat, in etwa mein Nettolohn für 7h Arbeit) und ein Bau kostete viele Jahre, Nerven und Kraft. Eigenheime waren nicht selten Eigenleistungs-Jahrhundertbaustellen und daran konnte sogar die Ehe scheitern.
Gab es doch damals keine Baumärkte und nur wenige Stellen, woher man legal Baumaterial beziehen konnte und zwar dann, wenn man es gerade brauchte.
Entsprechend wurde natürlich auch viel irgendwo "abgezweigt" aus den Betrieben, 
die ja allen gehörten. Volkseigentum wörtlich genommen.
Den kleinen Anhänger für den Trabant nannte man "Klaufix".
Allerdings lag diese Art Cleverness dann auch nicht jedem 
und so blieb man meist, wo man war.

Die Vergabe der Wohnungen wurde vom Wohnungsamt bestimmt oder von den Wohnungskommissionen in den Betrieben. Letztere half damals auch mir, eine Butze zu finden. Gerade gut für ein Mädchen mit 19: mit Feuerherd, ohne Gas , nur Kaltwasser und die ersten 2 Jahre auch ohne Strom (ungewollt, aber ging wohl nicht anders: der Vormieter hatte den Stromzähler geklaut und neue gab es nicht).
Fenster mit zentimeterbreiten Ritzen, die Scheiben selbst eingekittet,
 damit sie nicht noch beim Putzen herausfallen...
Aber schön war es, zentral gelegen und romantisch der Blick über die Dächer der Stadt.
Ich hab sie geliebt, diese Wohnung und Jahrzehnte später noch oft geträumt,
 dort wieder einzuziehen...

Den Luxus abgeschlossener Wohnungen hatte man vielfach in älteren Mietshäusern nicht. Es herrschte Wohnungsknappheit und diese langen Korridore mit 8 und mehr Zimmern wurden meist willkürlich an mehrere Leute vermietet. Wie eine Art WG, aber zwangsweise und man muszte sich irgendwie arrangieren 
mit der gemeinsamen Sanitärnutzung etc.
Das konnte echt belastend werden, in meinem Korridor später auch, 
nach Tod, Wegzug und Neubelegung.
Eine andere Wohnung bekam man vom Amt deswegen aber nicht. 
Da blieb nur das Tauschen untereinander. 
Wobei man für eine "miese Butze" natürlich meist nur 
eine noch weit miesere Butze bekam. -

*

Die erste Plattenbausiedlung Anfang der Siebziger war für viele ein Aufatmen und ich höre bis heute den Stolz, wenn jemand sagte: Wir ziehen nach B.!
Nach verwohnten Ofenheizungs-und Gemeinschaftwohnungen war eine helle zentralbeheizte Wohnung das Paradies.

Um sich eine solche zu sichern, trat man am besten über den Betrieb in die AWG ein (Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft) und zahlte jeden Monat seinen Anteil an der Finanzierung des Wohnungsbaus.
Alternativ zum Geld konnten auch Aufbaustunden geleistet werden -
 ob und wie das praktiziert wurde, ist mir nicht bekannt.
Ich wollte nie in die Platte, das erschien mir zu uniform!

Aber viele Lehrer, Ärzte und sogar der Staatanwalt wohnten damals dort. 
Gemeinsam mit einfachen Menschen. 
Ich weisz es, denn ich war Briefträgerin und bin dort 
vielen netten Leuten begegnet.

Und vor allem: es gab dort auch gleich eine gute Infrastruktur: eine grosze Gaststätte mit Tanzabenden, ein Ärztehaus, Post, Kaufhalle, Schule, mehrere Kindergärten und Krippe.
Dinge, die bei heutiger Planung oft nicht berücksichtigt werden, 
denn Autobesitz ist ja Standard...

Noch heute ist die Sozialstruktur und das Klima dort in B. recht angenehm: 
einfache, aber herzliche Menschen, die sich helfen und sich gegenseitig 
zum Feiern einladen im Treppenaufgang.
Nachbarn, wie ich sie mir oft wünsche, hier in der Isolation, als Fremdkörper 
unter Ellenbogen-Neureichs und immer-schon-besser-Gewesenen.
Hätte ich mich nur damals, jünger und flexibler, 
mit der Platte angefreundet und an mich sie gewöhnt!
Aber ich hab lieber allerhand andere Erfahrungen mit Altbau gemacht und erlitten, 
um dann nach der Wende festzustellen, dasz freier Wohnungsmarkt 
zwar etwas Tolles, private Vermieter aber auch nicht so immer 
das Allerbeste sind -

Das zweite Plattenbauviertel, Mitte der Achtziger, nahm dann schnell eine andere Wendung und dort wird heute viel getan, um ein Ghetto zu verhindern.
Da gibt es kostenlose PC-und Bildungsangebote, Eltern-Kind-Spielstunden, Hausaufgabenbetreuung, gemeinsames Kochen und Backen 
bis hin zur Schreibaby-Ambulanz.
Angebote, die dem Rest der Stadt fehlen. Oder die anderswo nicht nötig sind (?)

Schön sanierte Innenstadtwohnungen sind für viele Menschen kaum erschwinglich.
Und wer es sich leisten kann, baut oder kauft.

Zu meiner eigenen Wohnstatt schreibe ich später, das wird sonst zu lang.





Donnerstag, 1. März 2018

Nochmal zum Thema Verkehr



...auch wenn die Linkparty jetzt fast vorüber ist

Heute so passiert:
Ich komme von der "Tafel", mit Rucksack und offenem Einkaufskorb 
auf dem Gepäckträger (schwer!).
Fahre ruhig, aber auch zügig (um Autofahrer nicht unnötig zu reizen) eine Hauptverkehrsstrasze ohne rechten Radweg hinunter, eingeordnet in die linke Spur.
Dicht hinter mir Autos, neben mir auf der rechten Spur auch, Grosze.
Plötzlich, an der unübersichtlichsten Stelle (Kurve),
 nur 12 m von der Fuszgängerampel entfernt, 
fällt es einen Sehbehinderten ein, ganz schnell da rüber zu müssen.
Er streckt seinen Stock vor und marschiert los.
Vollbremsung ging für mich kaum wegen Autos dahinter, also versuche ich
 bremsenderweise nach rechts auszuweichen, so gut ich kann, 
um nicht selbst unterm Laster zu landen.
Milimeterarbeit, doch ich streife seinen Stock, bevor ich zum Stehen komme.
Anders gings wirklich nicht.
Ihm passiert nichts, ich stehe wackelig und mit zitternden Knien mit meiner Last,
da motzt er mich voll und schmeiszt mich mit aller Kraft auf die Fahrbahn.
Alle halten an, können grade so bremsen (glücklicherweise sind Autofahrer umsichtig und fair), der Blinde entfernt sich blitzschnell.

Fazit: Jacke kaputt, Fahrrad kaputt, überhaupt nicht mehr fahrbar.
Zum Glück half mir eine junge Frau beim Einsammeln der schmutzigen 
Lebensmittel, die über die gesamte Fahrbahn verstreut sind.
Knochen scheinen heile geblieben, der Zerrungsschmerz 
kommt meist sowieso erst am Folgetag.

Ohne Rad (Reparatur wahrscheinlich teurer als Neukauf)
ist mir nun meine Mobilität genommen.
Aber höchstwahrscheinlich hat mein Manöver ein Leben gerettet, nämlich seins.


So, das muszte ich mir grad von der Seele schreiben.
Radlerpech eben.




Montag, 5. Februar 2018

Stadt - Land - Verkehr



... ist der Titel einer Bloggeraktion zum besseren Verstehen der Unterschiede.
Es geht - gleich zu Anfang - um die Frage nach Autos und Verkehr.


 I

Ich lebe ökologisch voll im Trend, denn ich habe kein Auto.

Allerdings nicht, weil ich ein Öko bin, sondern weil ich mir einfach keines leisten kann.
Und es, aufgrund von Sehschwäche, auch nicht fahren dürfte.
Geht uns allen beiden so, mit der Sehschwäche,  folglich sind wir ein autoloses Paar.

Es gibt nichts in meinem Leben, was so dringend benötigt
 und so schmerzhaft vermiszt wird, wie ein Auto.
Oder ein paar Menschen, die uns gelegentlich mitnehmen.
Ein freundlicher Nachbar, der mal etwas sperriges Schweres 
vom Baumarkt mitbringt, denn der Stadtbus nimmt mich nicht mit, 
wenn ich auch nur einen einzigen Tomatenstab gekauft habe... 
Und Baumarkt ist sehr weit weg.
Vieles andere auch.

2016 wurden in meiner Umgebung drei Supermärkte geschlossen und der 
konkurrenzlos verbliebene Vierte ist so teuer, dasz ich da nicht einkaufen kann.
Wege werden also immer weiter, ich selbst aber nicht jünger dabei.

Ich nehme ja immer tapfer das Fahrrad, bergauf, bergab und bei 
fast jedem Wetter, anders geht es gar nicht.
Orientiere mich im Verkehr stark nach Gehör, fahre nur noch ganz genau 
bekannte Wege - ob eine Bordsteinkante hoch oder tief ist, 
kann ich nicht mehr erkennen.
Und vor einer neuen Baustelle stehe ich oft wie vor einem Aus. Sehe nicht, 
wo es da weiter geht. Oder vorbei. Aber was solls! 
Ohne Fahrrad ist der Alltag einfach nicht zu schaffen. Sind die Wege zu weit.

Mir graust schon sehr vor der Zeit, da ich auf den Stadtbus angewiesen sein werde:
 das wird zu teuer und mit Bus brauche ich in etwa die vierfache Zeit.
 Da ist die Wartezeit, wenn er nur aller Stunde einmal fährt, 
noch gar nicht mit inbegriffen.
Mein Fahrrad ist doch wenigstens ein kleines Stück Selbstbestimmtheit.

Ich könnte nie tragen, was ich alles schon mit Fahrrad bewegt habe. 
Bis zu 2 Stühle auf einmal oder Möbel, in Bretter zerlegt, einzeln - gehen tut alles!
 Und ich hab schon mal einen ganzen Umzug mit Fahrrad gemacht.
Wenn man das tut, weil man es musz... fühlt man sich am Ende allerdings 
nicht unbedingt groszartig oder stolz... sondern einfach nur: fertig!

II

Die Autos, die ich hier vom Fenster aus sehe, werden alle täglich benutzt. 
Ohne kommt man nicht zur Arbeit oder Kinder nicht zur Schule. 
Nicht jede Schule ist am Ort.
Ohne Auto kein Job. Nicht in unserer Region. Das habe ich selber zu spüren bekommen. 
Immer nur unterbezahlteste Hilfsjobs gemacht. Anderes war nicht zu kriegen.
Von wegen: Putzen geht immer! - Auch Reinigungsfirmen fragen gleich 
bei der Bewerbung nach dem Führerschein. 
Und das wars dann auch schon.

Jetzt bin ich ja in Rente, hab das Problem nicht mehr.
Hätte gern mal einen Job gehabt, der mir Spasz macht und meine Fähigkeiten fordert.
Gegeben hätte es den schon, nur ohne Auto nicht machbar.
Eine Ausbildung muszte ich abbrechen, weil nach Trägerwechsel 
der Ort gar nicht mehr zu erreichen war.

III

Im Frühjahr 2011 kam mein Gefährte hierher aus der Groszstadt.
Gesehen von der Umgebung hat er bis jetzt noch fast nichts.
Dabei ist es eine reiche Region mit ganz vielen schönen Orten.
Nur der ÖV läszt sehr zu wünschen übrig, 
die frühere DDR-Infrastruktur gibt es nicht mehr.
Bahnlinien still gelegt. Und  wozu noch Busse? 
Haben ja eh alle ein Auto!

Schatz kennt fast alles nur aus meinen Erzählungen, aus einer anderen Ära.
Habe das alles selbst seit über 25 Jahren nicht mehr gesehn...
Heute fährt am WE kein extra Ausflugsbus. Heute fährt meist überhaupt keiner.
Und schon gar nicht abends nach einem Konzert wieder retour.

Wir haben mal ÖV-Verb. gesucht, um eine knapp 50 km entfernte Anlage aufzusuchen. 
Ja, es geht: paarmal umsteigen, dauert den ganzen Vormittag 
und kostet ein Schweinegeld, weil man die Tarifzonen ja mehrfach 
durchfährt und jedes mal neu bezahlen musz.
Kommt man endlich ans Ziel, kann man dort nur 15min später 
in den Retourbus einsteigen, sonst kommt man abends nicht mehr nach haus.
"Da bin ich ja schneller und billiger in Berlin", war sein Kommentar.
Stimmt. Die Bahn schafft 225 km schneller und zum Sparpreis gehts auch.
Also no way. Zuhause bleiben.
Auf all die schöne Kultur, Theater, Museen, Parks, Gärten etc. verzichten.

"Alles nur Luxusproblemchen!" bekomme ich manchmal von Autofahrern(!) gesagt.
Stimmt natürlich. So gesehn.
Kein Mensch braucht Kultur.
Man kann sich allemal mit einem Buch auf eine sonnige Bank setzen.
Dankbar sein. Achtsam.
Oder Schattentheater machen mit den eigenen Händen.
Ist doch viel kreativer als ein Theaterbesuch, wo man nur konsumiert!

IV

Teilweise gehts wirklich an die Substanz. Wenn Fachärzte nicht konsultiert werden 
können, dringend nötige ambulante Einriffe nicht vorgenommen, 
weil ich danach nicht ÖV-reisefähig bin.
Wenn Notdienste am WE unerreichbar sind. 
Denn sie sind oft sogar über mehrere Landkreise verteilt.
Hat mich seinerzeit ein Auge gekostet, als ich mit aggressiver Entzündung 
im Augeninneren in die örtl. Notaufnahme tappte und dort erfuhr: 
Bereitschaftsarzt ist in N.  Heute von 10 bis 12.
Tjaaaa, das ist ja nun ihre Sache, wie sie dahin kommen!

Weitere Beispiele erspare ich Euch und mir selbst.

V

Man mag über Autos, Blechlawinen, CO2 und Verkehrslärm 
denken wie man will (auch ich leide mit meiner angeborenen Reizfilterschwäche 
enorm unter Straszenverkehr!), aber ich freue mich für jeden Jugendlichen 
aus gut funktionierender Familie, der zum 18. Geburtstag die Fahrschule 
geschenkt bekommt und vielleicht noch das erste Auto 
von Eltern/Groszeltern gesponsert.
Ein guter Start in ein freies und selbst bestimmtes (Berufs-)Leben!

Und bis hier mal vernünftige (und für alle Schichten bezahlbare) ÖV-Strukturen
 geschaffen werden, wird es wohl noch lange dauern.
Wenn überhaupt.


VI

Mein Profil in einem Netzwerk mit eher unspieszigen interessanten Menschen
habe ich inzwischen deaktiviert und ich schaue dort nicht mehr rein.
Zu traurig macht es mich, zu lesen, wie sich nur 50-80 km weiter 
Leute zum Konzert treffen, auf dem Weihnachtsmarkt oder
 sommers zum Baden im See.
Und selbst immer nur ausgeschlossen zu sein ohne Mobilität.

Ich hab meine kleine Welt hier, die grad wieder noch mehr schrumpft durch
den  Schneefall... und mit zunehmendem Alter und Sehschwäche sowieso.
Aber es bleibt mir ja nix, als das Beste draus zu machen.
Mache ich schon mein Leben lang. 

*

Sorry, wenn das jetzt alles zu negativ ankommt.
Ich hab lange überlegt, ob ich mitmachen sollte - oder lieber nicht?
Denn eigentlich sollte solcher Alltagskram niemals Eingang in meinen 
Blog finden. Der was ursprünglich für Schönheit reserviert - 

Bin aber gespannt auf die nächsten Fragen. 


Sonntag, 4. Februar 2018

Wohnen und Leben


... mein Vorwort zur Bloggeraktion Stadt - Land.


Ich wohne in einer Kleinstadt der ehemaligen DDR.
In einer der liebenswerten, sauberen, schön Restaurierten. Die so gar nichts von dem Dreck hat - und der Trostlosigkeit - die gerne von Privatsendern gezeigt werden.
Wobei wir aber auch früher schon, als Touristenstadt, den anderen Städten vorgezogen wurden. Wenn es um Werterhaltung und Verschönerung ging.

Damals ca. 33 000 Einwohner, gingen viele nach den Wende weg.
In den Westen, der Arbeit hinterher oder ganz einfach, um dem Mief der Kleinstadt
 zu entfliehen. Als wir nun endlich unsere Wohnorte frei wählen konnten.
Mittlerweile wurden die umliegenden Dörfer eingemeindet, was uns dann wieder 
auf 30 000 EW bringt und dem Bürgermeister den Titel Oberbürgermeister - 
wie weltstädtisch das doch gleich klingt!

Über 750 Jahre alt, einst Sitz eines pietistischen Fürstenhauses...
 ist sie von der Diktatur eines tausenjährigen Reiches aus nahtlos
 unter die Diktatur des Proletariats gefallen.
Aber auch diese wuszte das Kleinod zu schätzen und als Ort 
der "Arbeiterfestspiele" wurde hier kräftig saniert und verschönert. 
Wozu andere Städte die Mittel und Materialien oft nicht zugeteilt bekamen... 
Und so konnten die Altstädte anderswo schlieszlich nur noch abgerissen werden.
Was uns zum Glück erspart blieb (ich erinnere mich an alt-Halberstadt
 bzw. an einen Spaziergang durch Bernburg in den 80ern: 
ganze Straszenzüge nur halb eingestürzte, unbewohnbare Häuser - )

Kurz und gut: hier ist es nett, hier ist es adrett, es gibt Kultur und mancherlei.
Man fegt fleiszig die Bürgersteige und paszt gut aufeinander auf. 
Auf dasz niemand aus der Reihe tanzen oder straucheln möge
 (was dann nicht Hilfe, sondern Ächtung zur Folge hätte).

Um sich einen weltoffenen modernen Touch zu geben, 
haben sich die Stadtväter um Ansiedlung einer Hochschule bemüht.
Nur dasz die Studenten eingentlich völlig unter sich bleiben,
 Berührung mit den Einwohnern gibt es kaum. Höchstens Reibungspunkte.
Die Umbenennung eines Halts der Kleinbahn von Bhf-K. 
in Hochschule H. hat die Anwohner gründlich frustriert. 
Zumal kein Student je diese Bahn benutzen würde...

Fremde sind hier willkommen in Gestalt zahlender Touristen - Asiaten etwa, die enthusiastisch von der Dampfbahn schwärmen... oder als internationale Chöre zum jährlichen Chorfestival. Gut organisiert und hübsch abgeschottet in Gruppen (von engagierten, extra dafür geschulten Einwohnern geführt) - genau so hat man schon seinerzeit in der DDR die Völkerfreundschaft zelebriert.
Gegen die Aufnahme einer angemessenen Flüchtlichsanzahl konnte man sich erfolgreich wehren. Vermutlich zu beiderseitigem Wohl, 
denn die hätten hier wenig zu lachen -

Kreativität und Initiative Einzelner und kleiner Gruppen ist hier nicht sehr erwünscht. 
Man prüft alles übergenau und nur wenige können bestehen. 
 Die Liste der schnell wieder verschwundenen alternativen Kulturkneipen, 
Szenetreffs, Galeriecafès etc. ist lang - da finden sich 
immer geschickte Winkelzüge und die Leute verlassen (freiwillig!) die Stadt.
Auch Künstler sind viele wieder gegangen.
Man sucht sich die Leute gut aus und die wenigen, die das bestehen, 
werden dann auf Händen getragen -

Herumziehende Berber (Obdachlose) hat man erfolgreich vertrieben 
und die Stadtstreicher, die es überall so gibt... wurden hospitalisiert. 
Das verschandelt sonst das Stadtbild und schadet dem Image!
Ein Problem haben wir hier nicht (O-Ton Kommunalpolitik). 
Selbst die "Tafel" würde man am liebsten verbieten.
Nur dem unermüdlichen Einsatz einer kleinen ökumenischen Gruppe ist es zu verdanken, dasz es hier seit fast 20 Jahren aller 2 Wochen einen Tafel-Tag gibt. 
Diskret verborgen im kirchlichen Raum.
Wer hinkommt und Hilfe sucht, tut dies zumeist leise.

In der Plattenbausiedlung am Stadtrand (DDR-Erbe mit heute noch erschwinglichen 
Mieten) tut man ganz viel, damit kein Hartz-IV-Ghetto entsteht.
Aber das ist ja sowieso ziemlich weit drauszen.

Ich selbst wohne zentrumsnah, in einer ruhigen sauberen Strasze 
mit schön sanierten Privathäusern. 
Mein kleines altes Fachwerkhaus (das einzig Unsanierte) 
wurde schon immer das Armenhaus genannt.
Häuser suchen sich anscheinend ihre Bewohner und nicht umgekehrt...
Ich liebe mein Haus - eine Liebe auf den 1. Blick - und es ist für mich keine 
Immobilie mit Wertsteigerungspotenzial, sondern eine Art Lebensgefährte. 
Man spricht sich gegenseitig Mut zu, versorgt kleine Wunden und Blessuren. 
Mit den gröszeren hat man zu leben gelernt. Und so geht es noch lange weiter,
 sich gegenseitig schützend und stützend. Ein liebes altes Haus.
Meine Beobachtung ist sowieso, dasz Häuser so lange nutzbar bleiben, 
wie sie bewohnt sind, wie sie jemandem als Heimstatt diesen.
Ich habe so manche verfallene Bruchbude gesehn, aber erst, wenn der Bewohner
 nicht mehr ist, fällt das Haus zusammen.
Das ist wohl eine Geschichte für sich (wert) -

Ich wohne in einen wunderschönen sauberen Stadt.
Wo (fast) alles funktioniert und seine Ordnung hat.
Es ist hier ein ruhiges und schönes Wohnen.
Mit viel Grün und Natur drumherum. Das weisz ich zu schätzen.

Nur LEBEN kann man hier nicht.