Heute heiszt es wieder: auf zur Party der Chronist*innen des Alltags.
Wo findet die statt? - Natürlich bei Caro. - Also nichts wie hin!
*
Es ist ein grauer stiller Tag heute. Überhaupt eine seltsame Zeit:
kein Sommer mehr und auch kein Herbst. Kein goldener, farbiger.
Durch extreme Trockenheit und Hitze ist vieles vorzeitig vergangen.
Kein Regen, kein Grün, kein Gras, keine Beeren... nur winzige Äpfelchen am Baum.
Alles ist im vergebenen Warten auf Regen erstarrt.
Hab gut hausgehalten mit meiner Ration vom letzten Samstag.
Auf dem Weg zur Haustür springt der Einohrkatz aus meinem dort abgestellten Einkaufskorb. Bettelt mich an und schreit, als ob er seit Wochen nichts
gefressen hätte. Dabei hat er heut schon drei Portionen intus.
(das eine Ohr wurde entfernt wegen Plattenepithelkarzinom)
Ich gebe ihm also noch etwas Futter, erst dann darf ich raus.
Musz zum N*TTO, etwas Wasser und neues Katzenfutter besorgen.
Wie ich mich kenne, finde ich aber überall etwas Schönes für ein Bild.
Second-Hand-Erinnerungen von irgendwem.
Setzen mein Kopfkino in gang. Auch wenn ich selbst nie am Meer sein kann.
Nach dem kleinen Einkauf zur Bibliothek radeln.
Lokalzeitungen von dieser Woche lesen. Eigenes Abo ist unerschwinglich.
Die Bäume an der Strasze sind licht und braun wie im Herbst.
Farben hat dieser Tag keine.
Kleiner Exkurs in die (Literatur-)Geschichte:
hier lebte um 1770 herum der Pfarrerssohn Friedrich Victor Lebrecht Plessing
mit seinen Eltern. Er hatte Goethes "Die Leiden des jungen Werther" gelesen
und war davon so mitgenommen, dasz er mehrere Briefe an Goethe schrieb
und ihm seine eigene Verzweiflung schilderte.
Das Buch hatte unter jungen Menschen eine wahre Welle ausgelöst und Goethe
bekam ganz sicher noch viel mehr Leserpost... über Plessings Briefe war
er jedenfalls besonders besorgt. Ende 1777 begab er sich auf Harzreise .
Machte Station in Wernigerode. Logierte im Gasthof "Zur roten Forelle"
und suchte die Familie Plessing zuhause auf. Incognito.
Lyrisch fand Fr. Plessing Eingang in das Gedicht "Harzreise".
Allerdings gibt es noch weitere Erwähnungen seiner Person in Schriften (Briefen?),
die ich einmal früher gelesen habe und da kommt Plessing ganz schlecht rüber.
Leider finde ich diese Textabschnitte nicht im Internet und kann mich nicht mehr
genau genug daran erinnern, was das war.
Goethe war wohl sehr befremdet vom Seelenzustand des jungen Mannes.
Er hat ihn später aber in Duisburg wieder getroffen und sie blieben in Kontakt.
Nach Fr. Plessings Tod haben seine Nachfahren leider sämtliche Goethe-Briefe
einfach vernichtet - wie das leider so oft geschieht.
Was mir persönlich an dieser Geschichte Spasz macht, ist die Tatsache,
dasz 200 Jahre später (das Haus ist noch immer in Kirchenbesitz) hier ein
Superintendent namens Gottfried Werther mit seiner Frau Charlotte lebte.
Nein, das hat kein Stadtführer je erzählt... das habe ich bei meiner Arbeit als
Postbotin in den 80er Jahren gesehen: Briefe an Frau Charlotte Werther.
Ich muszte jedes Mal grinsen: 200 Jahre später hat ein Werther seine
Lotte schlieszlich doch gekriegt!
Und hat auch noch im gleichen Haus gewohnt.
Jetzt kann ich es wohl öffentlich machen, denn die genannten Personen sind längst verstorben.
Zu gern würde ich etwas kosten - ich weisz ja so gar nicht, was es heute alles gibt!
Auszer der obligaten Würstchenbude und dem in ein trockenes Brötchen
eingeklemmten Hering (der Standardimbisz in der DDR) kenne ich so gut wie nichts.
Denn ich habe seit damals nie wieder unterwegs etwas anderes gegessen
als von zuhause mitgenommenen Stullen.
Und so schleiche ich mich denn auch jetzt wieder weg und esse zuhause mein Brot.
Aber ganz sicher finde ich heute Abend beim Foodsharing irgendein
leckeres Gebäckteilchen, was ich auch noch nie hatte.
Dank Foodsharing lerne ich inzwischen doch so einiges kennen
(wonach ich in Märkten nicht schaue, weil es einfach nie drin ist).
Ich habe Ende Juni das zweite und letzte Mal den Rasen gemäht.
Seither wächst einfach kein Gras mehr .
Aber schau genau hin: auf den Knollen der wilden Alpenveilchen regt sich etwas!
Es werden jedes Jahr mehr.
*
Das wars für dieses mal.
Gehabt Euch wohl und danke fürs Vorbeischauen.











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