An einem verregneten Donnerstag
- ich wollte eigentlich
jetzt endlich in den Garten -
mal wieder ein (uraltes)
Leporello-Buch von mir
Posts mit dem Label Edition - Roter Stein - werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Edition - Roter Stein - werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Donnerstag, 11. April 2013
Samstag, 27. Oktober 2012
Mittwoch, 31. August 2011
Der siebte Engel
Der siebte engel
ist ganz anders
er heißt sogar anders
Schemkel
kein Gabriel
der güldene
eine stütze des throns
und baldachin
kein Raphael
stimmeister der chöre
auch kein
Asrael
planetenführer
geometer der unendlichkeit
vollendeter kenner der theoretischen physik
Schemkel
ist schwarz und nervös
vielmals vorbestraft
für schmuggel mit sündern
zwischen Abgrund
und himmel hallt
sein ständiges gestampfe
er hält nicht auf seine würde
und man lässt ihn in dieser schar
nur mit rücksicht auf die zahl sieben
aber er ist nicht wie die anderen
kein feldherr
Michael
ganz in schuppen und federbüschen
kein Asraphael
weltdekorateur
beschützer der üppigen vegetation
mit flügeln die wie zwei eichen rauschen
nicht einmal
Dedrael
apologet und kabbalist
Schemkel Schemkel
- murren die engel
warum bist du so unvollkommen
byzantinische maler
wenn sie die sieben malen
zeigen Schemkel
ähnlich den anderen
sie meinen nämlich
sie würden der lästerung schuldig
wenn sie ihn malten
so wie er ist
schwarz nervös
im alten ausgefransten glorienschein
- Zbigniev Herbert -
Donnerstag, 23. Dezember 2010
Montag, 20. Dezember 2010
Ariadne in Prag
Da ich dich sah, stieg ich hinunter; von bitterer Venus an die beschmutzte Stätte meiner Armut, Maulbeeren im Schuh, waagerecht im Joch der Armbrust, Kork und Eid klimpernd, wie Flügel meine Zeit würzend zum Salzigen.
Du hieltst dein Herz sehr aufrecht und unlesbar, und gleich erfuhr ich es. Ich zeichnete einen unsagbaren schatten, und so schweige ich über ihn. Vor nur dreitausend Jahren nun fand ich deine erschütterte Spur am Grab der ägyptischen Ahnen, die uns gemeinsam war. Du wandtest dein Antlitz, um mich nicht zu blenden, obwohl ich dieses Verstummen forderte wie eine Gabe; aber dein Leib blieb vor mir bis zu diesem Tag.
Ich streichelte und strich über den magischen Namen bis zum Verlust meiner Hände, jubelnd jedoch dich endlich zu nennen. Sanft übertrat ich deines Willens Kreide, zerriß dein antikes Kleid und glättete es und saß nieder, um es zu kosten. Wild liebte ich die Worte, welche du gegen mich sprachst!
Von nun an folge ich nackt dem schlanken Fluß, um demütig deine Geste zu trinken, beleuchtet nur am Ufer-Wege durch deiner Bug-Figuren zynisches Lachen. Um mich zu narren, kam zum Bild die Dichtung: Kali mit Hut und Hund in riesiger Kajüte, lächelnd gestreckt und erdlos wie du. Meuterin! widersinniger Engel auf faserigen Brücken, verschwindest trotz alledem, was ich bin, Herz, Nerv, Innereien und Brunnen, geflochtener Brief, der im geheimen Munde wohnt, so zärtlich umarmtes Siegel! Hast mich gelassen im dauernden Biß unheilbaren Mangels, den Faden im Sinn nicht als Weg; eher Wurm, der leise klatscht zu den Kapiteln, wenn die Sicheln singen. Der Wein meiner Nacht wurde zu Essig. Ich trank den erfundenen Speichel in fremder Gewalt, fuhr über deine Stirn auf anderem Gebein, wo stolz sie sich trägt wie Laubschimmel und herbstlicher Königin Herausforderung. Tränen umkreisten mein Auge, und vor diesem welken Prellstein vergaß ich zu künden von meiner Lungen Kraft, all deine Katheder zu verdunkeln! Nackt und erstarrt blieb ich zurück wie in herrlich unwiderlegbarem Leugnen; mit Liebe das schadhafte Kreuz entziffernd, konnte meine Tore nicht mehr lesen.
Lena Vandrey
aus „Paradigmen der unbequemen Schönheit“
Verlag Zeichen und Spuren – Frauenliteraturverlag Bremen 1986




Du hieltst dein Herz sehr aufrecht und unlesbar, und gleich erfuhr ich es. Ich zeichnete einen unsagbaren schatten, und so schweige ich über ihn. Vor nur dreitausend Jahren nun fand ich deine erschütterte Spur am Grab der ägyptischen Ahnen, die uns gemeinsam war. Du wandtest dein Antlitz, um mich nicht zu blenden, obwohl ich dieses Verstummen forderte wie eine Gabe; aber dein Leib blieb vor mir bis zu diesem Tag.
Ich streichelte und strich über den magischen Namen bis zum Verlust meiner Hände, jubelnd jedoch dich endlich zu nennen. Sanft übertrat ich deines Willens Kreide, zerriß dein antikes Kleid und glättete es und saß nieder, um es zu kosten. Wild liebte ich die Worte, welche du gegen mich sprachst!
Von nun an folge ich nackt dem schlanken Fluß, um demütig deine Geste zu trinken, beleuchtet nur am Ufer-Wege durch deiner Bug-Figuren zynisches Lachen. Um mich zu narren, kam zum Bild die Dichtung: Kali mit Hut und Hund in riesiger Kajüte, lächelnd gestreckt und erdlos wie du. Meuterin! widersinniger Engel auf faserigen Brücken, verschwindest trotz alledem, was ich bin, Herz, Nerv, Innereien und Brunnen, geflochtener Brief, der im geheimen Munde wohnt, so zärtlich umarmtes Siegel! Hast mich gelassen im dauernden Biß unheilbaren Mangels, den Faden im Sinn nicht als Weg; eher Wurm, der leise klatscht zu den Kapiteln, wenn die Sicheln singen. Der Wein meiner Nacht wurde zu Essig. Ich trank den erfundenen Speichel in fremder Gewalt, fuhr über deine Stirn auf anderem Gebein, wo stolz sie sich trägt wie Laubschimmel und herbstlicher Königin Herausforderung. Tränen umkreisten mein Auge, und vor diesem welken Prellstein vergaß ich zu künden von meiner Lungen Kraft, all deine Katheder zu verdunkeln! Nackt und erstarrt blieb ich zurück wie in herrlich unwiderlegbarem Leugnen; mit Liebe das schadhafte Kreuz entziffernd, konnte meine Tore nicht mehr lesen.
Lena Vandrey
aus „Paradigmen der unbequemen Schönheit“
Verlag Zeichen und Spuren – Frauenliteraturverlag Bremen 1986




Donnerstag, 16. Dezember 2010
Da ist kein anderes Kleid
Gekränkter Falter! Oh Namenlose! Heliotrop! Traumgurt, Traumzoll, welch immer Herr, - Hoch- oder Niederkunft! In dieses Haus bist du eingetreten, Meisterin allein des Unglücks! Wie Dornen und Efeu in fremden Sprachen verwurzelt, Samt und Schimmer nur in der eigenen, die du verfremdest und überfährst, schnöde Schwester! Deine Kunst ernährt sich am Sonnengeflecht der Völker, und du wirfst sie aus dem Fenster, deine Lettern, doch sie zerbrechen. Und zur Hymne des Streites willst du mit einer Säge dir die Adern zerschneiden und über die Kirchen nackt ins Wasser springen? Über Feuer und Bett willst du bestimmen, über Erde, Ton, Ocker, Kohle und monatliches Blut in den Münzen? Wie ein Quälgeist lässt du regnen im Heft der Anschriften und kriechst im Schlamm wie eine Wöchnerin, um die Hasen zu nähren, welche dich nicht sehen dürfen! Hast du Land? Nein, nein, nein, ich habe nur Städte; Städte zwar wie Sand am Meer, erstickte Gebäude und blasse Mädchen in unfertiger Häkelei, Hafentöchter ohne See und kranke Mütter. Ich habe Ameisen in der Schulen und Würmer im Gewerbe, Wolle und Wäsche in der Armee! Peinlich bin ich, göttlich und monogam; immer hinter dem Herd und in der Herde – und schlucke Farbe, Farbe um jeden Preis! Immer den Süden im Leib, immer die fremde Sonne kaufen wollen durch den Fall meines Nebels, und manches Mal versuche ich zu tauschen in dieser unverständlichen Währung: Tau gegen Licht!
Aber ich fliehe bald, vor dem Echo des Eises auf dem Efeu und vor dem Rost im Wind, vor dem Atem des Zorns im Laub: dass es mir nur nicht die Augen verdunkle! Denn ich will doch hell bleiben, hell wie die Zeit auf den Zähnen in den Ländern die mir nicht zuhören! Ich bin hungrig, hungrig, seit vierzig Jahren; als Nahrung nur diesen Hunger im Kasten, den ich hüte wie das Fasten. Kann nicht ausgehen, bin eine Bettlerin, ein tonloses Ich; amusisch wie die Kerze neben dem Knochen. Nichts habe ich als kalte Grenzen, verirrte Öfen und zufällige Oblaten neben dem Fisch. Keine Weltlichkeit ist möglich und kein verbrämtes Holz um meine Dochte: zu arm dazu, zu stolz, zu reich, zu niedrig, zu hoch, zu gerade, zu schief! Da ist kein anderes Kleid in diesen Büschen. Kein Stoff, worunter zu atmen wäre.
Nicht einmal Seide.
Lena Vandrey
Aus „Paradigmen der unbequemen Schönheit“
Verlag Zeichen und Spuren – Frauenliteraturverlag Bremen 1986




Aber ich fliehe bald, vor dem Echo des Eises auf dem Efeu und vor dem Rost im Wind, vor dem Atem des Zorns im Laub: dass es mir nur nicht die Augen verdunkle! Denn ich will doch hell bleiben, hell wie die Zeit auf den Zähnen in den Ländern die mir nicht zuhören! Ich bin hungrig, hungrig, seit vierzig Jahren; als Nahrung nur diesen Hunger im Kasten, den ich hüte wie das Fasten. Kann nicht ausgehen, bin eine Bettlerin, ein tonloses Ich; amusisch wie die Kerze neben dem Knochen. Nichts habe ich als kalte Grenzen, verirrte Öfen und zufällige Oblaten neben dem Fisch. Keine Weltlichkeit ist möglich und kein verbrämtes Holz um meine Dochte: zu arm dazu, zu stolz, zu reich, zu niedrig, zu hoch, zu gerade, zu schief! Da ist kein anderes Kleid in diesen Büschen. Kein Stoff, worunter zu atmen wäre.
Nicht einmal Seide.
Lena Vandrey
Aus „Paradigmen der unbequemen Schönheit“
Verlag Zeichen und Spuren – Frauenliteraturverlag Bremen 1986




Mittwoch, 15. Dezember 2010
Julias Kleid
Einmal war es ein weißer Mousselin, wie von den Kindern ins Fenster eingeträumt: ein Schleier vorm Brautgesicht der Sonne. Die Mutter nähte ihr ein Kleid daraus (es war schon Krieg), das wurde Schulkleid, Tanzkleid, Hochzeitskleid. Ach Traum, ach Braut, die weißen Kleider hielten in den Jahren kaum, was sie versprachen. Mit schwarzer Farbe wurde es in einem Topf gekocht, gekürzt, verengt – ein Jahr war es schön zu bleicher Haut -, dann abgelegt schnell nach der Trauerzeit. Doch schon im ersten Hungerjahr des Friedens braucht sie es wieder; der Sommer in dem Jahr schien grün wie nie; sie nähte eine feuerrote Blende an den Ausschnitt, und trennte Säume auf; man trug die Röcke wieder lang und heiter; zur nächsten Hochzeit ging sie nicht in Weiß.
Es war das schönste Kleid noch immer und blieb es durch die Jahre; sie trennte auf und nähte ab und überdeckte das Zerschlissene mit Flicken. Vom vielen tragen hatt es einen Glanz wie manchmal eine junge Freau mit weißem Haar, lang, kurz, eng, weit: es gibt so vielgeliebte Kleider, die wachsen an wie zweite Haut, und werden Talisman und schützen vor Krankheit, Alter, bösem Blick – so glaubte sie und trug es gestern noch in der Pianobar und dachte dass sie so glatt ihm anläge und es wie damals schmückte: ich sah die Leute lachen.
Doch Julia drehte sich, warf Schulter, Kopf, das Haar im Schwung zurück, und glaubt im Blickfeld sich wie ehemals, und nahm Gelächter für Bewunderung.
Gerlind Reinshagen
Aus „Zwölf Nächte“ Suhrkamp-Verlag 1989




Es war das schönste Kleid noch immer und blieb es durch die Jahre; sie trennte auf und nähte ab und überdeckte das Zerschlissene mit Flicken. Vom vielen tragen hatt es einen Glanz wie manchmal eine junge Freau mit weißem Haar, lang, kurz, eng, weit: es gibt so vielgeliebte Kleider, die wachsen an wie zweite Haut, und werden Talisman und schützen vor Krankheit, Alter, bösem Blick – so glaubte sie und trug es gestern noch in der Pianobar und dachte dass sie so glatt ihm anläge und es wie damals schmückte: ich sah die Leute lachen.
Doch Julia drehte sich, warf Schulter, Kopf, das Haar im Schwung zurück, und glaubt im Blickfeld sich wie ehemals, und nahm Gelächter für Bewunderung.
Gerlind Reinshagen
Aus „Zwölf Nächte“ Suhrkamp-Verlag 1989




Mittwoch, 28. Juli 2010
Unbewuszter Engel
Sie wollte sich um die nichtssagendste Person der Stadt kümmern, weil diese auch die bedeutendste Person der ganzen Stadt war, eine Frau, die aus keinem anderen Grund lebte als dem, bei ihrer Geburt ein Leben zu leben bekommen zu haben, und nichts anderes; und seitdem erhält sie es und sagt sich oft im Geheimen: „Welches Glück für mich, daß ich, die so wenig Bedeutung hat, die Besitzerin eines Lebens bin.“
Und da sagte sich Clarice: Das hier ist die einzige Frau, die mich lehren könnte, was ich von meinem hohen Alter aus, meinem Gedächtnis, meinem Schatz an Bildern, und meinen Schränken und meinem Schmuck und meinen vier Bleistiften und meiner Schreibmaschine aus unfähig bin, zu wissen, das hier ist die, die mich in die Ursprungsgrotte führen könnte. Und diese Frau, Clarice, hat sich als unbewußter Engel dazu entschieden, sie zu der Hölle zu führen, die sie so ersehnte, eine arme Mücke mit dem Namen Macabea, etwas verlaust, mit wenig Haaren aus Vitaminmangel, Jucken im Geschlecht – nur wegen Herpes, nicht einmal vom Geschlechtsverkehr, - aber sie hat sie sich geholt, wie man sich anderes holt, was man nicht verdient hat in so manchem Leben.
Sie also hat eine Frau wegen der Liebe gewählt: weil sie die ärmste und reinste Liebesgeschichte erzählen wollte. Eine so reine Geschichte, daß es darin absolut nichts anderes zu sagen gibt als die ungeschliffene Liebe, die kleinen Goldpailletten am Grund der düsteren Abflußrinne; und am Grund der bedürftigsten Höhlen sind es natürlich die Frauen, die das wunderbare Feuer hüten.
Helene Cixous
aus „Das Buch von Promethea“





PS: Eigentlich wollte ich die Texte der Leporellos hier nicht mit aufschreiben… aber irgendwie erscheint es mir dann doch wieder richtig, wenn sie auch lesbar sind.
– Vielleicht auch ein Anstosz, das Buch zu lesen (?)
Und da sagte sich Clarice: Das hier ist die einzige Frau, die mich lehren könnte, was ich von meinem hohen Alter aus, meinem Gedächtnis, meinem Schatz an Bildern, und meinen Schränken und meinem Schmuck und meinen vier Bleistiften und meiner Schreibmaschine aus unfähig bin, zu wissen, das hier ist die, die mich in die Ursprungsgrotte führen könnte. Und diese Frau, Clarice, hat sich als unbewußter Engel dazu entschieden, sie zu der Hölle zu führen, die sie so ersehnte, eine arme Mücke mit dem Namen Macabea, etwas verlaust, mit wenig Haaren aus Vitaminmangel, Jucken im Geschlecht – nur wegen Herpes, nicht einmal vom Geschlechtsverkehr, - aber sie hat sie sich geholt, wie man sich anderes holt, was man nicht verdient hat in so manchem Leben.
Sie also hat eine Frau wegen der Liebe gewählt: weil sie die ärmste und reinste Liebesgeschichte erzählen wollte. Eine so reine Geschichte, daß es darin absolut nichts anderes zu sagen gibt als die ungeschliffene Liebe, die kleinen Goldpailletten am Grund der düsteren Abflußrinne; und am Grund der bedürftigsten Höhlen sind es natürlich die Frauen, die das wunderbare Feuer hüten.
Helene Cixous
aus „Das Buch von Promethea“





PS: Eigentlich wollte ich die Texte der Leporellos hier nicht mit aufschreiben… aber irgendwie erscheint es mir dann doch wieder richtig, wenn sie auch lesbar sind.
– Vielleicht auch ein Anstosz, das Buch zu lesen (?)
Donnerstag, 22. Juli 2010
Das kleine Mädchen mit dem Stern auf der Stirn
Das kleine Mädchen mit dem Stern auf der Stirn, das mit dem Tanz auf dem großen Gummiball, ist an der Reihe. Der Ball kommt hereingerollt, und hinter ihm läuft das kleine Mädchen mit dem Stern auf der Stirn. Ist das ein wunderschöner Stern! Leuchtend, glänzend. Und das kleine Mädchen, ein ganz niedliches, zartes Engelsgeschöpf mit (Wunder der modernen Technik) wunderhübschen, prächtigen kleinen Flügeln auf dem Rücken. Es macht eine solch reizende Verbeugung, dass die Zuschauermenge in Beifall ausbricht. Jetzt macht es sich bereit, auf den Ball zu steigen. Gedämpft fängt die Musik an zu spielen, während die Lichter ausgehen. Nur ein Scheinwerfer beleuchtet das kleine Mädchen mit dem Stern auf der Stirn, und alle sehen es hingerissen an. Manch einer hat es bereits lieb, manch anderer, der das Kunststück schon anderswo gesehen hat, staunt, wie sich das kleine Mädchen in einem Jahr ein solch engelhaftes Gesicht zugelegt hat (Wunder der Schminkkunst; so jung und schon so erfahren in der Kunst des Sichzurechtmachens). -. Es springt auf den Ball, der auf den Schub davonrollt, und tanzt, wie man in dieser Stadt nie zuvor und keiner der Zuschauer je zuvor hat tanzen sehen. Es fliegt ja beinah wie ein Engel. Und unendlich weich, zärtlich begleitet es die Musik zu dem zauberischen Tanz.
Schließlich rollt der Ball mitten in die Arena aus und die Musik hört auf zu spielen. Die Menge will stürmisch Beifall klatschen und wartet darauf, dass das kleine Mädchen mit dem Stern auf der Stirn auf den Boden springt. Statt dessen aber schlägt die kleine Tänzerin mit den Flügeln, erhebt sich langsam und sicher zum Flug, steigt hinauf bis zu dem Kronleuchter in der Mitte und fliegt, durch den großen Schlitz davon, während Beifallsgewoge aufbraust und das Jubelgeschrei die Zirkuspferde erzittern lässt. Die Menge ist ganz außer sich vor Begeisterung und will eine Zugabe: Man möchte ihr doch wenigstens das letzte Stück Flug, von der Arenamitte zum Kronleuchter hinauf und weiter (ein wahres Wunder der modernen Technik), noch einmal gönnen.
Der Direktor weiß sich aber gerade den großen Flug nicht zu erklären, läuft in die Garderobe des kleinen Mädchens und findet es dort tatsächlich auf dem Bett, ohne den Stern auf der Stirn, eiskalt, tot, ohne Puder und deswegen noch ein bisschen hässlicher als sonst. Sie hat sich nicht einmal ihr Kostüm für den Auftritt, den Flügel und den Stern aus dem Reisekoffer geholt.
Für sie, für die kleine Tote, hat das letzte Mal ein richtiger Engel aus dem Paradies getanzt.
Enrico Morovic
- aus dem Ital. von Sabine Schneider –
Rohwolt Verlag




Schließlich rollt der Ball mitten in die Arena aus und die Musik hört auf zu spielen. Die Menge will stürmisch Beifall klatschen und wartet darauf, dass das kleine Mädchen mit dem Stern auf der Stirn auf den Boden springt. Statt dessen aber schlägt die kleine Tänzerin mit den Flügeln, erhebt sich langsam und sicher zum Flug, steigt hinauf bis zu dem Kronleuchter in der Mitte und fliegt, durch den großen Schlitz davon, während Beifallsgewoge aufbraust und das Jubelgeschrei die Zirkuspferde erzittern lässt. Die Menge ist ganz außer sich vor Begeisterung und will eine Zugabe: Man möchte ihr doch wenigstens das letzte Stück Flug, von der Arenamitte zum Kronleuchter hinauf und weiter (ein wahres Wunder der modernen Technik), noch einmal gönnen.
Der Direktor weiß sich aber gerade den großen Flug nicht zu erklären, läuft in die Garderobe des kleinen Mädchens und findet es dort tatsächlich auf dem Bett, ohne den Stern auf der Stirn, eiskalt, tot, ohne Puder und deswegen noch ein bisschen hässlicher als sonst. Sie hat sich nicht einmal ihr Kostüm für den Auftritt, den Flügel und den Stern aus dem Reisekoffer geholt.
Für sie, für die kleine Tote, hat das letzte Mal ein richtiger Engel aus dem Paradies getanzt.
Enrico Morovic
- aus dem Ital. von Sabine Schneider –
Rohwolt Verlag




Donnerstag, 15. Juli 2010
Abonnieren
Posts (Atom)



















