Sonntag, 4. Februar 2018

Wohnen und Leben


... mein Vorwort zur Bloggeraktion Stadt - Land.


Ich wohne in einer Kleinstadt der ehemaligen DDR.
In einer der liebenswerten, sauberen, schön Restaurierten. Die so gar nichts von dem Dreck hat - und der Trostlosigkeit - die gerne von Privatsendern gezeigt werden.
Wobei wir aber auch früher schon, als Touristenstadt, den anderen Städten vorgezogen wurden. Wenn es um Werterhaltung und Verschönerung ging.

Damals ca. 33 000 Einwohner, gingen viele nach den Wende weg.
In den Westen, der Arbeit hinterher oder ganz einfach, um dem Mief der Kleinstadt
 zu entfliehen. Als wir nun endlich unsere Wohnorte frei wählen konnten.
Mittlerweile wurden die umliegenden Dörfer eingemeindet, was uns dann wieder 
auf 30 000 EW bringt und dem Bürgermeister den Titel Oberbürgermeister - 
wie weltstädtisch das doch gleich klingt!

Über 750 Jahre alt, einst Sitz eines pietistischen Fürstenhauses...
 ist sie von der Diktatur eines tausenjährigen Reiches aus nahtlos
 unter die Diktatur des Proletariats gefallen.
Aber auch diese wuszte das Kleinod zu schätzen und als Ort 
der "Arbeiterfestspiele" wurde hier kräftig saniert und verschönert. 
Wozu andere Städte die Mittel und Materialien oft nicht zugeteilt bekamen... 
Und so konnten die Altstädte anderswo schlieszlich nur noch abgerissen werden.
Was uns zum Glück erspart blieb (ich erinnere mich an alt-Halberstadt
 bzw. an einen Spaziergang durch Bernburg in den 80ern: 
ganze Straszenzüge nur halb eingestürzte, unbewohnbare Häuser - )

Kurz und gut: hier ist es nett, hier ist es adrett, es gibt Kultur und mancherlei.
Man fegt fleiszig die Bürgersteige und paszt gut aufeinander auf. 
Auf dasz niemand aus der Reihe tanzen oder straucheln möge
 (was dann nicht Hilfe, sondern Ächtung zur Folge hätte).

Um sich einen weltoffenen modernen Touch zu geben, 
haben sich die Stadtväter um Ansiedlung einer Hochschule bemüht.
Nur dasz die Studenten eingentlich völlig unter sich bleiben,
 Berührung mit den Einwohnern gibt es kaum. Höchstens Reibungspunkte.
Die Umbenennung eines Halts der Kleinbahn von Bhf-K. 
in Hochschule H. hat die Anwohner gründlich frustriert. 
Zumal kein Student je diese Bahn benutzen würde...

Fremde sind hier willkommen in Gestalt zahlender Touristen - Asiaten etwa, die enthusiastisch von der Dampfbahn schwärmen... oder als internationale Chöre zum jährlichen Chorfestival. Gut organisiert und hübsch abgeschottet in Gruppen (von engagierten, extra dafür geschulten Einwohnern geführt) - genau so hat man schon seinerzeit in der DDR die Völkerfreundschaft zelebriert.
Gegen die Aufnahme einer angemessenen Flüchtlichsanzahl konnte man sich erfolgreich wehren. Vermutlich zu beiderseitigem Wohl, 
denn die hätten hier wenig zu lachen -

Kreativität und Initiative Einzelner und kleiner Gruppen ist hier nicht sehr erwünscht. 
Man prüft alles übergenau und nur wenige können bestehen. 
 Die Liste der schnell wieder verschwundenen alternativen Kulturkneipen, 
Szenetreffs, Galeriecafès etc. ist lang - da finden sich 
immer geschickte Winkelzüge und die Leute verlassen (freiwillig!) die Stadt.
Auch Künstler sind viele wieder gegangen.
Man sucht sich die Leute gut aus und die wenigen, die das bestehen, 
werden dann auf Händen getragen -

Herumziehende Berber (Obdachlose) hat man erfolgreich vertrieben 
und die Stadtstreicher, die es überall so gibt... wurden hospitalisiert. 
Das verschandelt sonst das Stadtbild und schadet dem Image!
Ein Problem haben wir hier nicht (O-Ton Kommunalpolitik). 
Selbst die "Tafel" würde man am liebsten verbieten.
Nur dem unermüdlichen Einsatz einer kleinen ökumenischen Gruppe ist es zu verdanken, dasz es hier seit fast 20 Jahren aller 2 Wochen einen Tafel-Tag gibt. 
Diskret verborgen im kirchlichen Raum.
Wer hinkommt und Hilfe sucht, tut dies zumeist leise.

In der Plattenbausiedlung am Stadtrand (DDR-Erbe mit heute noch erschwinglichen 
Mieten) tut man ganz viel, damit kein Hartz-IV-Ghetto entsteht.
Aber das ist ja sowieso ziemlich weit drauszen.

Ich selbst wohne zentrumsnah, in einer ruhigen sauberen Strasze 
mit schön sanierten Privathäusern. 
Mein kleines altes Fachwerkhaus (das einzig Unsanierte) 
wurde schon immer das Armenhaus genannt.
Häuser suchen sich anscheinend ihre Bewohner und nicht umgekehrt...
Ich liebe mein Haus - eine Liebe auf den 1. Blick - und es ist für mich keine 
Immobilie mit Wertsteigerungspotenzial, sondern eine Art Lebensgefährte. 
Man spricht sich gegenseitig Mut zu, versorgt kleine Wunden und Blessuren. 
Mit den gröszeren hat man zu leben gelernt. Und so geht es noch lange weiter,
 sich gegenseitig schützend und stützend. Ein liebes altes Haus.
Meine Beobachtung ist sowieso, dasz Häuser so lange nutzbar bleiben, 
wie sie bewohnt sind, wie sie jemandem als Heimstatt diesen.
Ich habe so manche verfallene Bruchbude gesehn, aber erst, wenn der Bewohner
 nicht mehr ist, fällt das Haus zusammen.
Das ist wohl eine Geschichte für sich (wert) -

Ich wohne in einen wunderschönen sauberen Stadt.
Wo (fast) alles funktioniert und seine Ordnung hat.
Es ist hier ein ruhiges und schönes Wohnen.
Mit viel Grün und Natur drumherum. Das weisz ich zu schätzen.

Nur LEBEN kann man hier nicht.

Kommentare:

  1. Liebe Mascha,
    ich danke dir für die ausführliche, wunderbar geschriebene Beschreibung deiner Stadt in der du lebst. Es hat mich berührt, wie du auch das Haus beschrieben hast mit dem du lebst in dem du wohnst...Gerne habe ich gelesen und sogar nochmals nachgelesen...
    Das Foto ist einmalig dazu.
    Hab ein gutes Wochenende und eine gute Zeit in deinem Haus, das dir so am Herzen liegt.-
    Liebe Grüße schickt dir
    Monika*

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  2. Ehrlich gesagt, war ich nach der ersten Lektüre doch ziemlich bedrückt und beschämt, beneide ich doch die Städte im Osten um ihre liebevoll hergestellte alte Herrlichkeit, erlebe ich doch immer wieder hier im Westen dieses Heterogene, das entstanden ist, weil die Kriegswunden schnell behoben wurden, um überhaupt wohnen zu können. Da wurde dann nicht mehr auf Schönheit geachtet bzw. in den Zeiten danach, als es wieder Geld gab, hat man auf modern gemacht. Vieles wurde verspielt.
    Aber offensichtlich ist hinter all der Schönheit auch das Lebendige verschwunden, auch, weil kein Platz für weniger Perfektes, Angepasstes ist.
    Köln ist so was von angeschrabbelt, voller Freaks, Außenseiter, Schwuler, Flüchtlinge, Berber usw., deren Daseinsberechtigung nicht in Frage gestellt wird ( und jetzt im Karneval feiern sie auch alle wieder gemeinsam ). Und ich muss sagen, es gibt einem eher das Gefühl, dass jedes Leben seine Würde hat. Die Miefigkeit, die du beschreibst, finde ich auch nur mit absolutem Rückzug ertragbar. Schön, dass du so ein Gehäuse hast.
    Hab's fein an diesem Sonntag!
    Astrid

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  3. So trügt also die malerische Idylle - schade -
    aber wichtig ist nur wie man selbst tickt!

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  4. Wow, geniales Foto, traumhaftes Licht und die hast die leicht hügelige Lage fantastisch dargestellt. Ein superfoto.
    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende noch
    Susa

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  5. Good evening.
    Japan is 9 afternoon on 4th,
    Thank you for a wonderful newsletter. Always waiting forward to.
    The snow festival of Hokkaido Sapporo is held.
    Ryoma.

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  6. I wish you good sunday.
    I tried to read your story and think I understand a lot.

    Hugs from Anne-Mari

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  7. Genialer schöner und auch wirklich gruseliger Post. Ich weiß ja gar nicht, was ich da schreiben soll. Ich verstehe gut, wenn du sagst, dass es schön ist, dass man aber nicht LEBEN kann. Das sagt es wohl.
    Und die Sache mit den bewohnten Häusern!! Ja, genau. Wenn sie leer sind, dann ist das Leben auch aus ihnen raus .. wirklich.
    Ich bin sehr gespannt, was du weiter schreiben wirst. So eine Stadt, wie deine, kenne ich nicht. Da bin ich gleich brennend interessiert.
    Schon faszinierend, wie die Jahrhunderte einen Flecken eben zeichnen ...
    Ich lass deinen Post jetzt mal sickern .. das muss ich verdauen!
    GLG aus Wien
    Susanne

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  8. Liebe Mascha,
    schön und liebevoll hast du deine Stadt beschrieben und auch dein altes Haus als Lebensgefährte.
    Bei uns hier z.B. in Stuttgart wurde nach dem Krieg viel Raubbau betrieben. Der 50er Jahre Baustil ist nicht schön, aber prägt nun mal Stuttgart, wie auch viele andere Städte im Westen.
    Wir hatten hier in Stuttgart unendlich schöne Bauten, die - dank eines abrisswütigen Bürgermeisters in nichtöffentlichen Sitzungen - abgerissen wurden. Ich denke hier an die Villa Weißenburg, die sich nicht mehr lohnt zu renovieren und dann ein Fußballplatz drauf errichtet wurde. Viele viele Bausünden sind entstanden. Aber es war nun mal die Zeit und wäre das Geld nicht dagewesen, wären diese Bauten so geblieben, wie in der ehemaligen DDR.
    Da hatte man das Geld nicht, so hat man die Bauten eben gelassen und notdürftig repariert.
    Da hatten die Bewohner der DDR Glück und haben nun die schönsten Städte.
    Das tut mir immer wieder weh, denn heute wirde man das aus städtebaulicher Ansicht in Stuttgart auch so nicht mehr machen.
    Ich denke da an meine Schlössle, das in der Nachbarschaft stand, zerstört und auch das hätte man nach den Plänen wieder aufbauen können, nein es wurde abgerissen und nun steht ein schrecklicher Bau auf dem Grundstück. ABER ich werde mir die Akten demnächst mal ansehen und in Erinnerungen schwelgen.

    Hab einen schönen Tag und ich sende dir einen lieben Gruß Eva

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