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Freitag, 19. Dezember 2025

Schreib-Adventskalender

 

 

Eisregen stach ihr ins Gesicht.
Die Kälte in allen Gliedern spürte sie kaum noch.
Das Gedudel des Weihnachtmarktes ging ihr auf die Nerven.
Scheiszweihnacht - konnte man die nicht endlich abschaffen?!

Die Winzigkeit Warmluft aus dem Lüftungsschacht tat ihren Eisklumpenfüszen gut.
Der einzige erträgliche Ort, den sie finden konnte.
Aus dem Vorraum der Bank hatte sie der Sicherheitsdienst sehr unsanft hinausgeworfen. 
Und in die Tiefgarage der Landkreisverwaltung 
durften sie alle erst nach 20 Uhr mit ihren Schlafsäcken.
Wenigstens wurden sie dort noch geduldet!
Aber es war noch verdammt lange bis dahin.

Sie war über dem Lüftungsschacht zusammen gesunken.
Man gewöhnt sich an alles - sogar an den penetranten Vanilleduft aus der Bäckerei.
Geruchsnerven adaptieren schnell - das war in ihrem Leben von Vorteil.

Irgendwann war sie eingenickt.
Man schläft ja nie wirklich auf der Strasze.
Das kann man nicht und das darf man auch nicht.
Dann sind die Schuhe weg und das Gepäck.
Oder man wird zusammen geschlagen.
Ergo ist der ganzen Tag ein einziger Taumel
und ein wenig Wärme reicht dann schon.
Unaufmerksam zu werden. Wegzudämmern.

Jemand streifte sacht ihre Schulter.
Sie hatte das Gefühl, als wäre der jemand schon länger da.
Nein, ich nehme keine Freier! dachte sie beim Erwachen.
Doch dann blickte sie in ein freundliches Gesicht.
Zwei braune Augen, ein Kopftuch, ein Lächeln. 
Vier braune Augen, als sie genauer hinsah. 
Als sie endlich ganz zu sich gekommen war.
Neben der Frau ein kleines Mädchen.
Dieselben Augen. Dunkle Zöpfe, etwas schüchtern der Blick.
Behandschuhte kleine Hände hielten ihr eine Tüte hin.
Die Frau gab noch einen heiszen Becher Kaffee dazu.
Die Sprache war ihr fremd, doch im Herzen verstand sie.
Trank den duftenden Kaffee und öffnete die Tüte.
Vanillekipferl.

Für einen Moment war sie wieder das kleine Mädchen. 
An Papas Hand, mit der Vanillekipferltüte auf dem Weihnachtsmarkt.  
 
 *
 
Das Inspirationswort war "Vanille" 
 

Sonntag, 7. Dezember 2025

Kleine Wunder. Schreib-Adventskalender

 

 

Ingrid war fleiszig gewesen. Wie es sich vor Weihnachten gehört.
Hatte das Haus geputzt und von altem Krempel befreit.
Alles gewienert, alles blitzte.
Stollen und Plätzchen waren gebacken, das Heim längst festlich dekoriert.
Duftkerzen verströmten Weihnachtsduft. 
Im Vorgarten leuchteten die Rentiere, in den Fenstern blinkten Weihnachtsmänner. 
Wenn Klaus heimkam, stand das Essen fertig auf dem Tisch.
Die Hausschuhe standen gleich an der Tür.
Dreck sollte hier nicht mit rein kommen. 
 
Nun fehlte nur noch der Baum und die Gans muszte langsam auftauen,
damit der Braten rechtzeitig fertig wurde.
Schönen Baumschmuck hatte sie gekauft. 
Die Farbstimmung jedes Jahr nach der jeweiligen Mode. 
Nach Weihnachten landete alles auf dem Müll oder im Sozialkaufhaus.
Oh ja, sie war sich bewuszt, dasz es nicht allen Menschen so gut ging wie ihnen.
 
Klaus kam heute später, das hatte er gesagt.
Also machte sie noch einen Rundgang durchs ganze Haus.
"Das eigene Heim mit den Augen von Fremden betrachten" - so hatte
es ihr eine Frauenzeitschrift geraten.
Was konnte sie noch perfekter machen?
 
Im Keller stand immer noch die olle Kiste. 
Die hatte Klaus nach dem Tod seiner Mutter angeschleppt.
Alte, angelaufene Weihnachtskugeln, olles Lametta.
Wer, bitte, hob denn solchen Krempel noch auf?!
Sie schrieb darauf "Zu Verschenken" und stellte sie raus an die Strasze.
Immer ein wohliges Gefühl, sich von Gerümpel getrennt zu haben. 
 
 
 
Wolle und Rolle kamen gemächlich die Strasze hinauf.
Sie hatten mit einigen Kumpeln im "Blauen Affen" ihren Weihnachtsblues ertränkt. 
Schluckspechte waren sie nicht, aber an manchen Tagen muszte das einfach mal sein.
Nun schoben sie ihre Räder lieber.  
 
- Mensch Wolle, das war unser letzter Schotter! 
Weihnachten ist erst übermorgen und dann noch ne Woche bis Silvester. 
Was machen wir nun? 
Die Tafel ist auch geschlossen diesjahr - früher hatten die wenigstens
zwischen den Feiertagen noch auf. -  
-  Nu mach mal keine Panik! Wir haben noch Kartoffeln und 
Rosenkohl wächst im Beet und dann schlachten wir mal ein Huhn. 
Ins Neue Jahr gehn wir diesmal eben trocken. 
Dafür wars ja heute gemütlich mit Andi, Harry und Kalle. -
 
Sie lebten in einem Gartenhaus am Rande einer Laubenkolonie.
Winters war es zwar saukalt, aber sie hatten über Sommer viel Holz gemacht. 
Es würde schon gehen!
Eine ordentliche Wohnung wäre zwar schön, aber viel zu teuer.
Diese Kosten übernimmt kein Amt.
Und ein Plattenbau-Arbeiterschlieszfach. also eine Einraumwohnung,
wäre der sichere Tod.
Hier hatten sie Auslauf, bauten Gemüse an, hielten ein paar Hühner.
Und sollte es mal laut werden, beschwerten sich keine Nachbarn, weil es keine gab. 
Ein kleines Stück Freiheit braucht der Mensch.
Gerade, wenn er viele der tollen Möglichkeiten nicht hat. 
 
- Du sagst es! Nur: wozu hast du eingentlich den Baum rangeschafft? 
Wir haben doch nicht mal Weihnachtsschmuck. -  
- Ach weiszte: ich möchts nochmal so haben wie damals,
als die Kinder klein waren und Sabine noch lebte.
Und immerhin haben wir eine Lichterkette, das ist besser als nix. -  
- Naja, wennde meinst! -
So schoben sie weiter.
Vorbei an mehr oder weniger noblen Villen voller Illumination.
So war die Strasze wenigstens nicht ganz dunkel.
 
Bei den Rentieren stand vorm Haus ein Karton.
Rolle konnte es nicht lassen, einen Blick hinein zu werfen.
- Mensch, gugge ma, da ist Baumschmuck drin!
Hat das Christkind uns etwa gehört!? - 
Sie sahen sich an und schon hatten sie die Kiste aufgeladen.
Ein groszer Fahrradkorb war immer nützlich. 
Und kleine Wunder gibt es ja doch.
Immer wieder einmal. 
 
Daheim zündeten sie ein Feuerchen an und packten aus.
Die Kugeln waren etwas angelaufen, das Lametta verknickt.
Aber immerhin: echte Glaskugeln.
Formen, wie es sie heute gar nicht mehr gab.
- Mensch Rolle, die erinnern mich an Oma. 
Und wie ich immer die Süszigkeiten von ihrem Baum geplündert hab. - 
Ach ja, Weihnacht war wohl doch nicht ganz schlecht!
Und diesjahr würden sie sogar einen geschmückten Baum haben. 
 
Ganz unten in der Kiste fanden sie mehrere gedrechselte Engel.
Erzgebirgische Volkskunst. Ein wenig angekokelt das Holz, aber immerhin.
Und ein winziger Engel aus Metall.
Mensch, wie der blitzte! Der war ja nicht mal angelaufen!
Wie neu sah der aus.
Das kleine Engelchen bekam einen Ehrenplatz.
Es wurde richtig gemütlich.
Und sie sahen sich Silvester die Böllerei der anderen an. 
 
 
Mitte Januar lagen plötzlich 8000 Euro auf dem Küchentisch.
- Sach ma, Rolle, haste jetzt n krummes Ding gedreht?? -
- Nee, sehe ich so aus? -
- Ja aber wo kommt denn die viele Kohle her? - 
- Hm, ich musz Dir jetzt was beichten: 
da beim Uhrmacher steht grad wieder das Schild "Goldankauf".
Und ich hab den kleinen Engel aus der Weihnachtskiste wieder rausgolt 
und bin damit mal hin. Die haben bissel dran herumgekratzt
und mir dafür 8000 Euro angeboten. Hättest du das dann nicht gemacht? - 
 
Wolle begann zu strahlen. Nun endlich mal eine Reise!
Und den Rest zur Dämmung der Hütte. Ein neues Dach wäre nicht schlecht.
Sie konnten ja vieles selbst machen, aber Material war eben auch teuer.
 
Jetzt nicht mehr. 
Und die nächsten Winter konnten kommen. 
 
 
Das Adventskalender-Thema war "Gold". 

Donnerstag, 4. Dezember 2025

Schreib-Adventskalender

 

 

Ein Ring mit 24 Kerzen.
Ich habe sie fast alle angezündet, eine kleine dunkle Lücke bleibt.
Ich schaue in die flackernden, tanzenden Flammen.
Die Katze neben mir liegt ganz entspannt. 
Ich streichle sie mit einer Hand.
Schnurren. Tiefer. Lauter. Rhythmisch fast.
Flammen die verschwimmen. 
Schnurren wird zum Crescendo.
Fernes Rasseln. Trommeln. Pfeifen.
 
Dunkel, schemenhaft die tanzenden Gestalten.
Viele Frauen, noch mehr Tiere.
Eine kommt durch die dunkle Lücke auf mich zu.
Ich erkenne Elsbeth, wie sie war auf Bildern. 
In ihrem 20er-Jahre-Kleid.
Es folgen ihr drei Katzen: Merlin, KiChi... der andere 
musz Purzel sein. Aus der Werkstatt. 
Als es mich noch nicht gab. 
 
Elsbeth nimmt mich bei der Hand.
Zieht mich hinein in den Kreis.
Sie hat Nacht im Haar und Lichter.
Felle schmiegen sich an mich, Augenschlitze blitzen auf.
Schnurrhaare zittern. Spitze Ohren streifen mich.
Elsbeth flüstert etwas. Ich kann sie nicht verstehn.
Wir tanzen durch die Nacht, geborgen im Kreis des Feuers.
Fernes Trommeln. Rasseln. Pfeifen. 
 
Ich erwache im Dunkel.
Die Kerzen sind heruntergebrannt.
Nur eine leuchtet noch schwach. 
Im Ring eine Sandale, eine Kralle und drei Schnurrhaare.
 
 
(Das heutige Stichwort war Tanzen) 
 
 

Mittwoch, 3. Dezember 2025

Schreib-Adventskalender

 

von Gabi Kremeskötter abonniert.
Jeden Tag gibt es einen Impuls, aus dem man etwas machen kann.
Ich werde nicht alles im Blog bringen, aber die Geschichte 
von gestern hier doch einmal. Weil sie auch ein ganz klein wenig
zu Christianes Maunztag paszt. Auch wenn die Katze nur Statistin ist diesmal. 
 
Es ging um das Thema Wünschen. Ich bin so gar keine Backfee und wünsche 
mir oft, jemand würde mal für mich Plätzchen backen. Egal, wer...
 
 
* 
 
 
Ich hörte es kraspeln. Irgendwo hinterm Küchenschrank.
Vertrautes Geräusch.
Oh nein, nicht schon wieder eine!, dachte ich.
Da kam sie auch schon hinter der Scheuerleiste hervor.
Setzte sich mitten in der Küche auf die Hinterbeine, 
stemmte die Vorderpfötchen in die Seite und wuchs...
 
Als sie mir fast bis zum Knie reichte, fing sie an zu motzen:
- Du hast ja nicht einmal Weihnachtsplätzchen! -
- Nein, warum sollte ich auch? Damit ihr mir wieder alle wegfuttert?
Auszerdem gelingt mir Plätzchenbacken sowieso nicht - meinte ich. 
- Ich hasse Küchenkram und tue mir diese Schmiererei nicht noch einmal an.
Wenn ich am Ende nicht einmal etwas davon habe. -
 
 -  Tschuldigung! - meinte sie - meine Vettern waren da etwas unbescheiden
letztes Jahr. Aber ich werde es wieder gut machen. 
Dazu brauche ich jetzt nur eine Schüssel, einen Löffel, Schneebesen,
Backbleche, Förmchen, Nudelholz und dann natürlich auch
Mehl, Zucker, Butter, Eier, Sahne, Backpulver, Nüsse, Mandeln, Oblaten, Kakao 
und leckere Gewürze. Erzähl mir nicht, dasz du die nicht hast!
Ich hab sie längst gerochen, nur bekomme ich die Dosen nicht auf. - 
 
Ich schaute etwas bedeppert.
- Na los, nun mach schon! - meinte die Maus.
 
Uff, liesz ich mich jetzt nicht mehr nur von einer Katze,
sondern auch noch von einer Maus herumkommandieren?
Mit flauen Gefühl stellte ich alles Gewünschte bereit.
Ganz sicher, dasz sich alsbald Scharen von Mäuseverwandten in meiner 
Küche tummeln würden und von den guten Dingen nichts übrig blieb. 
 
- So, du kannst jetzt rausgehn - sagte sie.
- Ich pfeife dreimal, wenn du den Backofen einschalten kannst.
Und: lasz bitte die Katze drauszen, ich mag das Vieh nämlich nicht! - 
 
Beklommen verliesz ich die Küche und setzte mich nebenan vor den PC.
Was das wohl werden sollte?
Vielleicht doch lieber gleich die Katze holen? 
Nur: wo steckte die denn eigentlich?
 
Eine Weile geschah nichts. Dann hörte ich drei Pfiffe.
 
Die Sauerei in der Küche war gerade noch vertretbar... aber was war das?
Drei Bleche voller Weihnachtsplätzchen! Fünf verschiedene Sorten.
Ich traute meinen Augen nicht! 
 
-  So, die können jetzt in den Ofen.
Und dann: guten Appetit! Die sind alle für dich.
Wir gehen diesjahr beim Nachbarn futtern. Versprochen. 
Ich wollte es nur wieder gut machen. Tschüssi! - 
Sie schrumpfte auf Mausgrösze und verschwand irgendwo unter der Spüle.
Ich sah und hörte sie nie wieder.
 
Die Plätzchen waren megalecker. 
 
 



Sonntag, 31. August 2025

Impulswerkstatt - Ein Pfundskerl im Wasser

 


"Die Sommerferien sind vorbei, ab morgen bleibt das Bad geschlossen", 
verkündete der Bademeister und weidete sich 
an den enttäuschten Gesichtern der Badegäste.
Wie er diesen Moment liebte: er hatte das Sagen, er hatte die Macht. 
Keiner konnte ihm jetzt noch hineinreden, denn endlich war er sein eigener Chef.
 
Seit das Ressort für Sportanlagen der Stadtverwaltung vakant geworden war, 
unterstand es nun ihm. 
Er sasz inzwischen mehr im Rathaus als auf dem Bademeisterthron.
Die Querulantin, die immer scheinheilig im Rathaus angerufen hatte, 
um sich nach der Öffnung des Bades zu erkundigen...hatte nun keine Chance mehr. 
Wie oft hatte er ihretwegen Ärger bekommen, da man im Rathaus nichts 
von einer Schlieszung wuszte und er danach wieder öffnen muszte - 
Jetzt war er sein eigener Chef, jetzt hatte ihm niemand mehr etwas vorzuschreiben!
 
Seine Karriere hatte er seitdem auch fleiszig vorangetrieben. 
Bei der letzten  Bürgermeisterwahl hatte er die Stichwahl nur ganz knapp verloren.
 "Ich bin der Macher" war sein Slogan und der kam offenbar gut an. 
Und seine Parteilosigkeit auch.
Nun war ja bald wieder Wahl und diesmal würde er es schaffen. 
Da war er ganz sicher.


Was er nicht sah: die zwei Rentnerinnen, die kein gröszeres Vergnügen kannten, 
als täglich schwimmen zu gehen und zwar bei jedem Wetter... 
zwinkerten sich verschwörerisch zu.

Die hatten längst die kleine Pforte im Metallzaun entdeckt, die man kaum sah.
Dahinter befand sich nur undurchdringliches Gestrüpp. 
Deshalb machte sich niemand die Mühe, dort abzuschlieszen.
Sonntag für Sonntag hatten die beiden nun, bewaffnet mit Gartenscheren 
und Lederhandschuhen, im Schutze der Frühe, wenn alles noch schlief...
daran gearbeitet, sich einen schmalen Pfad freizuschneiden. 
Bis zu der Pforte.
Nicht zu auffällig und das Ganze dann wieder mit Brombeerranken getarnt, 
hatten sie jetzt ihren Schleichweg. So könnten sie immer noch schwimmen gehen, 
ganz allein - oh was für eine Aussicht!
Sogar leckere Pilze wuchsen dort in dem Dickicht, 
die hatten ihnen so nebenbei manche Mahlzeit beschert. 


Sein letzter Arbeitstag im Rathaus war vorüber. 
Nun endlich war sein Urlaub dran.
Er ging mit zwei Kollegen noch auf einen kleinen Absacker, dann machte er sich auf 
den Heimweg. Es wurde schon dämmerig, der Sommer war sichtbar vorbei.
Nein, ein kleiner Abstecher ins Bad muszte heute auch noch sein!
Die himmlische Ruhe dort war ihm viel wert.
Die endlich nicht mehr durch Badegäste gestört wurde.  

Er machte seinen Rundgang und blieb am Beckenrand stehen.
Der Mond schien auf die spiegelglatte Wasserfläche, die von keinem 
Schwimmer zerstört wurde. So sah er das Wasser am liebsten. 
 
Zufrieden versank er in eine meditative Stimmung.
Halt, knackte da nicht etwas? Er schaute sich um: nichts! 
Das waren sicher wieder die Waschbären. Die wurden auch immer 
zahlreicher und nichts war vor ihnen sicher.
Nur seine Stimmung, die konnten sie ihm nicht zerstören.
Nicht heute. So kurz vor dem Urlaub.

Lautlos hatten die beiden sich angeschlichen. 
Eigentlich wollten sie ja nur schwimmen gehen, aber nun stand er stand dort 
und störte ihr Vorhaben. So ging das aber nicht!
Sie blickten sich an und zückten lautlos ihre Pilzmesser. 
Die Lederhandschuhe - wegen der Brombeeren - hatten sie noch nicht abgelegt.
 
Wie zwei Raubkatzen schlichen sie sich an und stachen zu. 
Er war so überrumpelt und perplex, dasz er sich kaum zur Wehr setzte.
Ein Stich nach dem anderen. 
"So du Macher, du machst hier nicht wieder zu!", sagte die eine hämisch 
und dann wälzten sie den schweren Körper über den Beckenrand.

Ziemlich betreten standen sie schon da, als ihnen klar wurde,
 was sie da angerichtet hatten.
Mit Schwimmen war es also vorbei. Das hatten sie sich gründlich versaut!
Welcher Teufel hatte sie da nur geritten?!

Sie schlichen sich davon, schlossen die Pforte und verlieszen das Dickicht einzeln, 
jede in ihre Richtung. 
Auf der Strasze war um diese Zeit niemand mehr. Zum Glück!


*

Ramona war sauer: schon 23:00 Uhr und Frank war immer noch nicht da! 
Um zwei Uhr wollten sie starten, um pünktlich in H. am Flieger zu sein.
Hier sasz sie nun auf fertig gepackten Koffern.
Er hatte die Tickets und den Wagen. 
Die gesamte Reisevorbereitung war, wie immer, ihr Ressort.
 
Wer weisz, welche junge Badenixe er sich in dieser Saison wieder angelacht hatte! 
War ja nicht das erste Mal, aber noch nie war er dabei so dreist gewesen.
 Sah ganz so aus, als würde sie hier auf den Koffern sitzen bleiben.
Wütend ginng sie zu Bett und beschlosz, gleich morgen die Scheidung einzureichen.
Diesmal endgültig.

*

Das Leben in der Stadtverwaltung ging auch ohne ihn seinen Gang. 
Er war ja im Urlaub.
Zehn Tage später machten sich zwei Mitarbeiter des Gartenamtes daran, im Schwimmbad noch einmal den Rasen zu mähen und die Hecken zu schneiden.
A. düste mit dem Mäher los und K. begann mit der Hecke am Planschbecken.
Friedlich lag das Bad im Sonnenschein.

Mit dem ersten Heckenstück fertig, setzte sich K. auf eine Bank. Kleine Pause.
Doch da bekam er einen Schock: im Wasser schwamm ein Toter!
A. sah seinen Kollegen gerade noch von der Bank kippen und stieg ab. 
Dann sah er die Wasserleiche auch.

*

Polizei und Notarztwagen kamen schnell. 
Doch sie konnten nichts mehr ausrichten.
Verwertbare Fingerabdrücke gab es keine. 
Die Tatwaffen - zwei Pilzmesser - lagen an Grund des Beckens.
Das Tatmotiv blieb völlig unklar.
 In der Kasse fehlte kein einziger Cent.
Alle Geräte waren noch da, Spuren von Vandalismus gab es nicht.

Zeugen gab es auch keine. 
Das Bad war von einem hohen Zaun umgeben, der an eine Verkehrsstrasze
und zwei unbewachte Parkplätze grenzte. 
Die vierte Seite wurde von Dickicht und Uferböschung gesäumt.
Die Bewohner des einzigen angrenzenden Hauses waren verreist 
und konnten so auch nichts gesehen haben.
Was aber sollte diese grausige Tat???

Der junge Praktikant der Kripo sagte lieber nichts dazu. 
Er war begeisterter Schwimmer und hatte sehr oft enttäuscht 
vor verschlossener Tür gestanden.  Er bekam so eine leise Ahnung - - -
Aber lieber nicht äuszern, sonst fiele der Verdacht noch auf ihn.

*

Im Rathaus war man fassungslos. 
Er war so ein umgänglicher Kollege gewesen, alle mochten ihn gern! 
Und sie kamen auch alle zur Beisetzung. Sprachen Ramona ihr Beileid aus.
Der smarte junge Bürgermeister ohne soziale Ader konnte sich einer 
gewissen Genugtuung allerdings nicht erwehren. 
So stand seiner nächsten Bürgermeisterwahl also niemand mehr im Weg!
Er liesz es sich nicht anmerken, sonst wäre er nachher noch verdächtig. 
 An seiner aalglatten Fassade bemerkte man sowieso nichts.

*

Das Leben ging weiter. Nun ohne ihn.
Vor der nächsten Badesaison ergab sich ein Personalproblem. 
Man löste es, in dem man das abgelegene Waldbad der kleinen Gemeinde E. 
schlosz und den Bademeister in die Stadt versetzte.
Was brauchte so ein Örtchen ein Freibad? Hatten doch sowieso fast alle Autos. 
Die paar Rentner und Kinder waren zu vernachlässigen.
Eine Touristenstadt ohne Bad - das ging natürlich nicht!

*

Endlich kam die Eröffnung der Badesaison.
Die beiden Rentnerinnen erschienen am Kassenhäuschen, 
kauften sich ihre günstigen Zwölferkarten und gingen hinein.
Es traf sie der Schock, als sie den Bademeisterthron erblickten. 
Sie bekamen einen Schreikrampf. 
 
Die medizinische Hilfe kam schnell und verbrachte die 
so auszer sich geratenen Damen in die Psychiatrie.
 
Sie hatten beide nicht gewuszt, dasz er einen Zwillingsbruder hatte.

Ob zu der Klinik auch ein Schwimmbecken gehörte, ist nicht bekannt.
  
 
 
 
 

*  


Die Geschichte ist frei erfunden. 
Eventuelle Ähnlichkeiten mit toten oder lebenden Personen wären rein zufällig.
Inspiriert haben mich die Wasserfotos von MYRIADE im Rahmen ihrer 

Freitag, 24. Januar 2025

Zeitverirrung - Impulswerkstatt -

 

Der Elektromonteur Alfons Schmidt feierte seinen vierzigsten Geburtstag. 
Es wurde ein groszes Besäufnis, die halbe Firma war erschienen.
Ganz in der Ecke gewahrte er einen seltsamen alten Mann, den er noch nie gesehen hatte.
Vermutlich ist das der legendäre Seniorchef, dachte er sich.
Naja, bissel jenseits sieht der freilich schon aus!

Alfons nahm zwei Bier und ging zu ihm.
Was wünschst Du Dir?, fragte der Alte.
Hm, naja, ne flottere Karre könnt ich schon brauchen.
Oder so eine Villa, wie der Chef eine hat.
Junge, Du verstehst mich nicht: was wünschst Du Dir ganz für Dich selber?

Eine Zeitreise ins Mittelalter, meinte Alfons spontan.

Kaum ausgesprochen, fand er sich mit einem Bündel über der Schulter
auf einer schlammigen unbefestigten Strasze wieder.
Seltsame Stille. Kein Motorengeräusch.
Nicht mal ein Pferdefuhrwerk kam vorbei.

Er marschierte los, bis er an ein Stadttor kam.
Die Wachen fragten nach seinem Begehr, seiner Herkunft
und welch Handwerk er ausübe.
Er versuchte es zu erklären, doch man glaubte ihm nicht.
Nicht sicher, ob er ein Magier oder ein Hochstapler sei,
wurde er vorsorglich festgenommen und später zum Fürsten gebracht.

Auch dieser befragte ihn eingehend,  konnte sich aber nicht vorstellen,
wie die Kraft von Blitzen gebändigt
 und zum Antrieb einer Mühle verwendet werden könne.
Er konstatierte: Du magst zwar ein Scharlatan sein, bist aber ein kräftiger Bursche.
Du kannst für mich in den Krieg ziehn!

So wurde er dem fürstlichen Fuszvolk zugeteilt. 
Bekam Rüstung, Schwert und Schild und einen Strohsack als Nachtlager zugewiesen.
Bei einem reichlichen deftigen Abendbrot machte er sich mit den Kameraden bekannt.

Wenige Tage später ging es los. Antreten und in den Kampf ziehen.
Da war er schon, der Feind!
Mit den blauen Schilden unschwer zu erkennen.
Er stand einem gegenüber - hier kämpfte noch Mann gegen Mann.
Seltsam vertraut erschien ihm dieser feindliche Mann, aber was solls!
Fix zuschlagen, ehe man selbst getroffen wird.
Er zog sein Schwert. Verdammt, das war ja aus Holz!
Na egal, dann muszte es eben mehr Muskelkraft sein.

Ej, aufhören, das ist doch nur Show! hörte er Stimmrn im Hintergrund.
Ich kämpfe für meinen Fürsten, schrie er zurück und schlug noch kräftiger zu.
Da wurde er von hinten überwältigt und es ward dunkel um ihn.


Er erwachte in einem Krankenzimmer.
Neben seinem Bett sasz Micha.
Mensch Alfi, da hast du aber Mist gebaut! Was war denn in dich gefahren?
Entschuldige, dasz ich dich so vermöbelt habe, aber Du warst anders nicht zu bremsen.
Der Bernd liegt auf der Intensivstation, du hättest ihm fast den Schädel gespalten.
So haben wir dich ja noch nie erlebt!
 
Ich kämpfe für meinen Fürsten, lag Alfons auf der Zunge.
Doch bevor er die Worte herausbrachte durch seine geschwollene Lippe,
erschienen sie ihm selbst reichlich absurd.
In der Ecke des Zimmers, wie hinter einem Schleier, sah er den Alten.

*


Die Story kam mir in den Sinn, als ich dieses Foto aus MYRIADES Impulswerkstatt sah


Dasz es Römer und nicht Mittelalter-Krieger sind, war mir nicht gleich klar.
In den Zeiten, da ich meinen Bildungsgrundstock bekam...gab es in meinerm Land keinen Asterix - sonst wäre es mir sicher aufgefallen ;)


Dienstag, 21. Januar 2025

Bucket List - Impulswerkstatt

  


 

Schon als Kind hatte sie diesen Traum.
Einmal im Leben wollte sie heiraten.
Eine pompöse Zeremonie in einer reich geschmückten Kirche,
bei der kein Taschentuch trocken bliebe.
Und natürlich heiratete sie einen Mann.
Andere Varianten fand sie stillos. 

Jetzt war es soweit. Sie wagte den Schritt.
Markus war ein auffallend gutaussehender Gentleman
mit Schultern zum Anlehnen und den besten Manieren. 
Das war sehr wichtig.
Ihr Brautkleid sollte nicht weisz sein - sie wählte Türkis.
Sie war ja ohnehin für ihre Exzentrik bekannt.

Es wurde eine wundervolle Trauung.
Ein Ja, hingehaucht mit weichen Knien.

Danach gingen sie zum Pier.
Nur sie beide mit dem Fotografen.
Ein einzigartig schönes Paar!

Er setzte sie gekonnt in Szene.
Wie sie sich küszten dort im Sommerwind.
Nun hatte sie ihn: ihren eigenen Hollywoodfilm.

Im Hinterkopf plötzlich die zweifelnde Frage iher Liebsten:
Und wie kommst Du aus der Nummer wieder heraus? 

Eine plötzliche heftige Böe. Unerwartet.
Eine kleine Bewegung mit ihrem Fusz. Unbemerkt.
Platsch! 

Der Fotograf konnte nicht schwimmen.
Sie machte sich blitzschnell aus dem Staub.
 
Der Bus wollte gerade abfahren.
Es ist immer gut, etwas Geld bei sich zu haben.
Hatte die Mutter sie einst gelehrt.

Bist Du nun zufrieden?,
 fragte ihre Liebste, als sie heimkam.
Sie nickte und hakte den obersten Punkt ihrer Bucketlist ab.

*


Ich bedanke mich bei MYRIADE für das Inspirationsfoto
aus der aktuellen Runde der Impulswerkstatt


Freitag, 3. Januar 2025

Julies Tagebuch - Impulswerkstatt

 

Das Mädchen stand im Halbdunkel des Dachbodens.
Unten war wieder Stimmung und drauszen regnete es.
Blieb also nur dieser eine Fluchtort. 
 
Wie sie das hasste: diese Atmosphäre von mutwilligem Unverständnis, 
Aggression und Gewalt...immer dann,
wenn beide Eltern einmal gleichzeitig zuhause waren. 
Was zum Glück nicht oft vorkam...aber am Ende
würde sich jeder für sich wieder an ihr abreagieren.
So sie denn greifbar war.
Also lieber verschwinden.

Wütend trat sie gegen einen Stapel leerer Pappkartons,
der polternd umfiel.
Sie trat gleich noch einmal zu.
Wie aufgeschreckte Hühner stoben nun auch die Untersten davon.
Jetzt war der Blick frei auf einen verstaubten Wäschekorb,
der unter der Schräge stand.
Olle Lumpen, dachte sie sich.
 
Doch die Neugier regte sich und sie begann,
mottenzerfressenes Zeug in Augenschein zu nehmen.
Vielleicht war ja etwas für ein Faschingskostüm dabei?

Dunkel erinnerte sie sich, den braunen Umhang damals 
an der alten Frau gesehen zu haben, die mehrmals täglich
über den Korridor schlurfte bis zur Toilette,
die sich eine halbe Treppe tiefer befand.

Sie war freundlich gewesen zu dem Kind,
redete aber sonst kaum.
Im Haus wurde sie Julchen genannt und galt als wunderlich.
Wie lange das nun schon her war!

Sie kramte weiter in staubigem Tand herum und zog schlieszlich
eine in Leder eingeschlagene Kladde heraus.
Sah ganz so aus, als hätte die viel mitgemacht.

Aufgeschlagen fand sie Seiten in schöner Schrift.
Manchmal verwischt oder durchgestrichen, 
manchmal auch zittrig geschrieben.
Klein und mit Bleistift. 

Lesen konnte sie erst einmal nichts.
Es wechselte von Deutsch zu Russich
und das sah ganz anders aus als das Russisch des Schulunterrichts.
Es wimmelte von Härtezeichen - die kannte sie zwar aus dem Alphabet,
wuszte jedoch kein Wort, in dem ein solches vorkam.
Naja, allzu viele Wörter wuszte sie ohnehin noch nicht.
Auch mehrere andere Zeichen gab es,
die waren ihr bisher noch nie begegnet.*

Sie rätselte an die drei Jahre, bis die alte 
und noch dazu fremde Sprache ihre Geheimnisse preisgab.
Das Mädchen galt nicht umsonst als sprachbegabt



Der Text enthüllte eine Geschichte von Krieg, Flucht und Revolution.
Wirre Zeiten und eine junge Frau, die darin fast verloren ging.
Nicht immer schlüssig, teils fehlten auch Seiten.
Eine Flucht vor den Bolschewiki, die Angehörige umgebracht hatten.
Eine Geschichte von Angst, Verstecken, nächtlichem Wandern.
Von Zügen, die irgendwo auf der Strecke blieben.
Von Posten, Kommandorufen, fernen oder nahen Schüssen.
Von Hunger, Krankheit, Verzweiflung, unendlichem Leid.
Die Mutter liesz sie in Cherson zurück, zu krank für weitere Reisen.
Die junge Frau schaffte es schlieszlich nach Deutschland, dank einiger Helfer.
Zu vertrauen war immer ein Risiko. 

Nach zwei Jahren Umherirrens kam sie an in der kleinen Stadt.
Nur noch ein Schatten ihrer selbst.
Ein guter Freund ihrer Familie verbrachte hier seinen Ruhestand.
Seine Familie nahm sie auf, so dasz auch sie zur Ruhe kommen konnte.
Etliche Jahre brauchte sie dazu.
Die Alpträume kamen immer wieder.
 
Hier war sie erst einmal sicher. Schaute sich um.
Wurde mit einigen anderen Migranten bekannt gemacht.
Die es auch bis nach Deutschland geschafft hatten.
In diese kleine Stadt.
Ein ruhige Zeit brach an, doch dahinter
stand immer das Trauma von Flucht, Gewalt und Tod.

Dann brach ein neuer Krieg los.
Bomben, Keller, Ängste. 
Der General a.D. wurde zu Grabe getragen.
Die Familie fiel auseinander, zerstreute sich.

Julie blieb in der Villa.
Verschanzte sich hinter verriegelter Tür.
Fremde Menschen bewohnten nun das Haus.
Lieszen sie aber in Ruhe.

Bis die Russen kamen.
Da wurde sie geholt und verhört.
Ihr Name klang verdächtig.
Zitternd sasz sie in einer Zelle.
Erwartete das Ende.
Doch sie kam wieder frei.
So wurde sie zum dritten Male geboren.
Verschreckt, verhuscht, traumatisiert.
 
Sie durfte bleiben, man liesz ihr das eine Zimmer.
Das hatte nicht einmal einen Wasserhahn.
Und Leben hiesz auf der Hut sein.
Genau wie damals. Jetzt und immer.
Auch wenn manche Menschen freudlich zu ihr waren. 



So hatte das Mädchen nun alles dechiffriert, was lesbar war.
Sie verwahrte das Buch sorgfältig.
Zeigte es niemandem.
Lieber nicht!
 
Sie war sehr nachdenklich geworden.
Das alles war so anders als ihr Geschichtsunterricht.
Wo die Guten die Bösen hingerichtet hatten:
die Zarenfamilie, den Adel, die Kulaken, die Militärs.
Auf dasz das Volk die Macht übernahm und künftig gut lebte.
Das war ja alles so einfach! Man muszte nur gründlich säubern.

So langsam bekam sie eine Ahnung von den Opfern,
die es wohl immer und bei allen Umbrüchen gab.
Waren die wirklich alle schuldig?
Hatte diese Frau jemals jemandem etwas getan?
 
Fragen ohne Antwort.
Die behielt sie besser für sich.
Genau wie das Buch.
Man muszte auf der Hut sein.
Eigentlich galt das auch jetzt.

*


Anmerkung: Julie hat es wirklich gegeben (nur ihre Fluchtgeschichte ist fiktiv) - sie lebte als Julie von Blomberg in einem einzigen Zimmer in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin und starb kurz vor meinem sechsten Geburtstag. Ich habe alles, an was ich mich erinnere und was übers Internet an Fakten zu finden war, schon einmal hier zusammen gefaszt. Falls doch noch einmal irgend jemand nach ihr suchen sollte - 

Ich bin vermutlich die Letzte, die sich noch lebhaft an sie erinnert, alle anderen Menschen sind längst verstorben. Da sie kaum das Haus verliesz, dürften die Kinder meiner Generation, die damals auf der Strasze spielten, wohl keine bewuszten  Erinnerungen haben.
Ihr Tagebuch hätte ich ja zu gerne gefunden! Habe ich aber nicht.
Falls es eines gab, wurde es damals nach ihrem Tod beräumt und entsorgt - da lag später auch nichts mehr in ihrer Ecke auf dem Dachboden.
Das alles zu entziffern wäre mir eine echte Herausforderung und Freude gewesen...
 
 
Zu dieser Geschichte inspirierte mich ein Foto von Myriade 
im Rahmen ihrer Impulswerkstatt 
 
 
 
 *
 

* Es gab 1918 unter den Sowjets eine Rechtschreibreform
die allerdings von Migranten nie anerkannt wurde.

Mittwoch, 18. Dezember 2024

Einen Wächter aufstellen - Impulswerkstatt

 

Sie war sich ganz sicher: genau hier hatte es gestanden.
Das kleine Haus, indem sie einen kurzen Abschnitt
ihrer Kindheit verbracht hatte - die glücklichsten Tage 
und Wochen überhaupt. 
 
Es war Herbst damals.Oma ging mit ihr Blätter sammeln.
Und Moos. Auf einem Teller wurde ein Moosgärtchen angelegt.
Mit kleinen Tieren aus Zinn bevölkert.
Abends gab es Karamelmilch. Oma röstete Zucker in einer Pfanne
und stellte später die dampfende Kanne auf den Tisch.
In Kamelhaardecken eingehüllt lauschte sie Omas Geschichten.
Es war eine Zeit voller Wärme und Liebe und Trost.
 
Dann kam der Frost. Über Nacht.
Und es hatte geschneit. Mit Freude stand sie am Fenster.
Sah in die weisze Pracht.
Genau wie jetzt.
An dem Tage wurde sie abgeholt.

Nun stand sie wieder hier. Nach Jahrzehnten.
Und es lag Schnee.
Aber nichts erinnerte daran, dasz es einmal das Haus gab.
Oder der Schnee hatte die Spuren zugedeckt.
 
Sie standen ganz still. Lauschend.
Die Stille des Winters umgab sie. 
Sonst nichts.
Kein Zeichen. Keine Stimme. Kein Zeichen.
Komm, lasz uns einen Wächter aufstellen,
sagte sie zu ihrem Liebsten.
 
Und sie stellten einen Wächter auf.
 
 
 

 
 
Ich bedanke mich bei Myriade für das Foto, 

Samstag, 2. November 2024

Impulswerkstatt - Des Fischers Mutter -

 

 

 

 Sie lebte in der Hafenstadt und hatte fünf Söhne geboren.
Einer starb als Kind an Diphterie.
Die anderen wurden Fischer.
Zwei von ihnen holte die See.
Einer wurde totgeprügelt bei einem Streit im Pub.
Einer war ihr geblieben.

Als sie neunzig wurde sagte sie zu ihm:
Ich möchte so gern noch einmal leben!
Nicht gleich, nicht jetzt.
In einer späteren Zeit.
Wie es scheint, wird vieles besser.
Für uns Frauen. Für Euch. Für die Arbeiter in den Fabriken.
Sie war ein wacher Geist, auch wenn sie zur Kirche ging.

Zum Glauben hatte sie auch ihn erzogen.
Bei ihrer Beerdigung sprach er ein Gebet und vertraute ihren Wunsch Gott an:

Ich möchte so gern noch einmal leben!


Die Zeiten gingen ins Land. Umbrüche überall.
Konflikte, Terror, Kriege.
Lange lange Zeit wartete sie in stiller Ruh.
Doch ihr Wunsch ward nicht vergessen.

Heuer an Samhain stand sie auf.
Suchte nach vertrauten Gassen. Der alte Kirche.
Vergebens. Fand nichts mehr von alledem.

Es schien ihr heller Tag zu sein.
 Licht in allen Regenbogenfarben. 
 Es blinkerte und blitzte. Überall.
Brüllende Monster rasten vorbei.
 An den Häuserwänden hingen Gespenster.
 Man hatte sie mit Stricken dort aufgeknüpft.
 War das das jüngste Gericht?
 
Nur im Park war es dunkel. Angenehmer scheinbar.
 Der Schein trügte. Zerlumpte Kinder lagen herum.
 Mehr tot als lebendig.
 In einer düsteren Ecke wurde Handel betrieben.
 Andere grölten. Hatten Flaschen geleert.
 Einer rief: Ey, coole Verkleidung!
 Andere lachten.

Sie eilte weiter. War das die bessere Welt?
 Ein Riesenlindwurm donnert vorbei auf Schienen.  
Von irgendwoher Töne. Und: rummswummswumms.  
Ihr dröhnte der Kopf.
 
Da sah sie den Teufel.
Jemand hatte ihn an die Wand gemalt.

Leuchtend gelb. Bereit sie anzuspringen.
Aus dem geborstenen Schädel lugt ein riesiges Auge hervor.

Sie rannte, so schnell sie konnte.
Versteckte sich atemlos hinter Bäumen.

Endlich fand sie zurück zu ihrem stillen Ort.
Sie legte sich wieder hinein.
Tröstlich, einen Rosenkranz zu haben.

 

 

 

Ich bedanke mich bei MYRIADE für die Bilder und das Mosaikstück "Teufel".

Mittwoch, 31. Juli 2024

Verborgen im Schilf

 

 

Im Rahmen von Myriades Impulswerkstatt gibt es dieses Foto.
Und meine frei fantasierte Geschichte dazu. 

*
 
 
Endlich Sommer, endlich Ferien!
Sie machten das Wohnmobil klar und fuhren ins Blaue hinein.
Blieben, wo es ihnen gerade gefiel.
Lieszen die Wälder hinter sich, überquerten eine Grenze.
Der Campingplatz lag nahe bei einem See.
Laszt uns hier bleiben! meinte sie. Max und Leo waren es zufrieden. 
 
Hinter dem See, zwischen Feldern lag das Dorf. Was davon noch übrig war.
Die Kirche war noch intakt und einige wenige Häuser bewohnt. 
Der Rest in verschiedenen Stadien des Zerfalls begriffen.
Das grosze Gutshaus, gleich vorne am See, hatte längst kein Dach mehr.
 
Frühmorgens in der Stille ging sie schwimmen.
Sie liebte diese Morgen, wenn alles noch schlief.
Mühelos glitt sie durchs Wasser bis ans andere Ufer heran.
Legte, im Schilf verborgen, einer kurze Ruhepause ein.

Da hörte sie helles Kinderlachen und eine Stimme rief: Leokadia!
Doch als sie schaute, war da niemand. Nur das verfallene Gehöft.


Es blitzte auf wie von ganz ferne: hier war sie schon einmal!
Hörte das Lachen, den gerufenen Namen.
Ein einziges Mal nur. Noch einmal kam sie dann nicht.

Es war das Dorf, aus dem man sie fortgejagt hatte.
Weil sie eine Fremde war und obendrein ein Kind der Schande trug.
Die Gutsfrau hatte sie entlassen müssen - 
zu grosz war der Druck der Dorfleute gewesen.
 
Doch sie gab ihr eine gröszere Summe Geld und eine Adresse in der Stadt.
Das Zimmer sei für drei Monate bezahlt, dort könne sie erst einmal bleiben.
Auch für eine Hebamme war schon gesorgt.

Diese nahm das Bündel und trug es fort.
Sie hatte es ihr nicht einmal in den Arm gelegt.
So sei es besser. Und liesz sie allein zurück.

Ja, so war es besser. Sagte sie sich auch selbst.
Nachdem sie sich erholt hatte, fand sie eine neue Stellung in der Stadt.
Mit Kind hätte sie niemand genommen.

Das Dorf wollte sie nie wieder sehen.
 
Doch eines Sonntags, noch im Nachtdunkel, machte sie sich auf den Weg.
Es wurde hell bis sie ankam und sie verbarg sich im Schilf.
Da hörte sie das Lachen und sah das kleine Mädchen für einen Augenblick.
Und eine vertraute Stimme rief: Leokadia!
Da schlich sie sich davon.


Als sie sich wieder gefangen hatte, schwamm sie zurück.
Max bereitete gerade das Frühstück und Leo war am Erwachen.
Ganz fest nahm sie ihre kleine Tochter in den Arm.
 
 

Samstag, 9. März 2024

Das weisze Pferd seiner Kindheit

 

Stimmengewirr. Schreie. Flammen.
Das Lager in Brand gesteckt. Wieder einmal. 
Fliehen. 
Schutz suchen im Wald. Weiterziehn.
Neue Lager. Neue Brände.
Die Stimme des Groszvaters: Junge, wenn Du in Not bist, 
wird das weisze Pferd dich retten.
Dazu der Klang seines Akkordeons.
 
Das weisze Pferd. Es hatte ihn oft gerettet damals.
Doch dann kamen sie wieder.
Erschlugen sieben von ihnen, den Groszvater auch.
Ende. Aus.
 
Nachts, als endlich Ruhe eingekehrt war, nahm er das Akkordeon und stahl sich davon. 
Schlafendes Lager. 
Schlafender Wald. 
Nur ein Käuzchen. 
Und weit in die Ferne entfloh ihm das weisze Pferd.

Der Gadscho, der die Fotos gemacht hatte vor ein paar Wochen,
hatte ihm eine Adresse zugesteckt.
So zog er nun in die Stadt, fort von der Sippe.
Ein Abschied für immer. Das war ihm klar.
Mit den Gadsche kläszt man sich nicht ein.

Einige Gadsche halfen ihm. 
Er konnte lernen. Buchstaben, Zahlen und Noten.
Groszvaters Akkordeon war sein Heiligtum und sein bester Freund.
Dazugehört hat er ja doch nie. 
Nirgendwo.

Er spielte virtuos.
Bekam einen Plattenvertrag. Konzerte. Tourneen.
Sein Bild auf Plakaten.
Menschen, die seine Gesellschaft suchten. 
Die richtigen Freunde auch?

Nach dem Konzert im Hotel das Fest.
Sie hatten getrunken. Einer pöbelte. Es gab eine Schlägerei.
Ein Klirren und Krachen. Einer stand nicht mehr auf.
Das hatte keiner gewollt!
Klammheimlich stahl er sich davon. Darin hatte er Übung.

Er war es nicht. Doch wer würde einem Rom glauben?
Die Polizei war schnell da, ins Zimmer konnte er nicht mehr.
Muszte es zurück lassen. Das über alles geliebte Akkordeon.

Wieder auf der Flucht. Wald. Kälte, Hunger, Straszen bei Nacht.
Zwei Grenzen überqueren. Fremdes Land.
Niemand folgte ihm. Er hatte es geschafft!

Manchmal zog er eine Zeit mit den Berbern umher.
Manchmal gab es Arbeit auf einem Hof.
Manchmal auch Stehlen vor Hunger. 
Und irgendwo von einer Wäscheleine ein Kleidungsstück.

So gingen Jahrzehnte dahin. Seine Finger wurden ungelenk und steif.
Das Wandern ging nicht mehr so.
Er fand eine Hütte, die bot ihm Schutz genug.
Und nachts streifte er einsam durch die Straszen der Stadt. 
Streichelte die Katzen. Sprach mit ihnen Romani.
Vergessene Sprache. Tief innen versteckt.
Katzen verstehen das.

Da sah er das Haus. Es stand offen. Halb ausgeräumt.
Im Container blitzte etwas im Mondlicht - ein Akkordeon!
Er muszte weinen.
Der Groszvater. Das weisze Pferd.

Er nahm es sich. Es war nicht einmal gestohlen.
Seine Finger wollten nicht mehr. Er übte und übte.
Langsam kamen sie zu ihm zurück. All die Melodien.
Er dachte daran, wie die Leute gejubelt hatten in den Konzerten.
Wie der Klang ihre Herzen erreicht hatte.
Warum nicht noch einmal?

Nur: erkennen durfte ihn niemand.
Wer weisz, wer vielleicht noch eine seiner Platten besasz?
Auch wenn ihn Jahrhunderte vergangen dünkten seither.

Da kam ihn eine Idee.
Und er setzte sich auf den Marktplatz. Hub an zu spielen.
Ob einer zuhörte, interessierte ihn nicht.
Groszvaters Melodien.
Das weisze Pferd seiner Kindheit hatte ihn noch einmal gerettet.



 Ich bedanke mich bei Myriades Impulswerkstatt für das Inspirationsbild 

 

 

 

Donnerstag, 11. Januar 2024

Der Traum vom Fliegen

 

Es war einmal ein Junge. Der lebte in einem armseligen heruntergekommenen Haus 
mit seinem Vater, der ihn schlug. Wenn er wieder eine Flasche geleert hatte. 
Und er schickte den Jungen los, neue Flaschen zu  bringen. 
 
Aber längst schon schrieb kein Kaufmann mehr an, auch wenn er immer weitere Wege ging.
Der Junge lief und lief und wollte die nächste Stadt erreichen. 
Wo es vielleicht noch Kredit gab.
Und er dachte: ich möchte fliegen können. Einfach auf und davon!
 
Er dachte so inbrünstig daran, dasz er das leise Klirren fast überhörte. 
Mit dem sich am Straszenrand die Hecke auftat.
Die Fee sprach: mein Junge, ich habe Deinen Wunsch gehört. 
Ich kann ihn Dir erfüllen.
Aber bedenke es gut: denn nach 13 Jahren und 13 Tagen rufe ich dich. 
Dann wirst Du mein sein und die irdischen Freuden vergessen.
Du wirst eins werden mit den Elementen: Feuer, Wasser, Luft und Holz.
Einen guten Rat will ich dir noch geben: meide Bäume, die zur Erde streben!

Das wird gut zu machen sein, dachte der Junge bei sich. 
Bäume wollen doch auf zum Himmel, so wie ich!
Und er stotterte aufgeregt: Ja! Ja! Oh ja!

Schon hob es ihn in die Lüfte, schon war er frei.
Entkommen der Enge des Hause und der schmutzigen Gassen.
Frei wie ein Vogel schwebte er dahin. Unterm blauen Himmelszelt.
Über Wälder und Flüsse und Berge und Seen.

Irgendwann merkte er, dasz er Hunger hatte und er landete in einer Stadt.
Doch Brot gab es überall nur für Geld.
Da sah er die Kuppel des Zeltes und das war sein Plan.
 
Nicht schon wieder so ein Möchtegern-Arkrobatenjüngelchen!, dachte der Zirkusdirektor,
als er ihn sah. Doch er gab ihm eine Chance und bereute es nicht.

So flog der Junge nun Abend für Abend über der Manege. 
Die Leute staunten und applaudierten - so etwas hatten sie noch nie gesehn!
Er brauchte kein Netz, verfehlte kein Trapez, stürzte niemals ab.
Alles schien so leicht.

Einige Jahre vergingen, er wuchs heran.
Da kam Griseldis in den Zirkus (eigentlich hiesz sie Ingrid).
Es sah sie an und war bezaubert, genau wie sie von ihm.
Der Zauber wirkte, sie wurden eins und teilten sich fortan die Fähigkeit des Fliegens.
Von nun an flogen sie gemeinsam.

Dann der Wettbewerb. Die Fachwelt war verblüfft. Ein Phänomen!
Der Cirque du Soleil heuerte die beiden an. 
Sie wurde die ganz grosze Nummer in der klingenden farbigen Show.
Tourten nun durch alle Länder.

Spätabends, wenn alles vorbei war und die anderen sich müde in ihre Wohnwagen 
schleppten (Zirkus ist harte Arbeit)... flogen sie ihre Runde unterm Sternenzelt.
Erst dann waren sie wirklich frei. 
Erschöpfung kannten sie nicht.

Da war der Wald. Irgendwo in Kanada.
Seltsame Bäume, bizarre Äste. Stämme verdreht und verbogen.
In der Dunkelheit bemerkte er ihn zu spät. 
Den groszen Baum, der sich wie ein U zur Erde bog.
Schon war es geschehen.
Ein Sog bremste den Flug, ihre Bewegungen erstarrten. 
Ihre Hände konnten sich gerade noch halten, so wuchsen sie ein in das Holz.
Gingen darin auf. Verschwanden immer mehr.
Wer genau hinsieht, kann sie noch erahnen.
Doch wer sieht schon genau hin?

Der Zirkus muszte die Show ganz und gar umschreiben.
Mitten in der Saison.

 

Ich bedanke mich wieder bei Myriade mit ihrer Impulswerkstatt 
für das Inspirationsbild und das Mosaikstück "Holz".

Dienstag, 9. Januar 2024

Nach dem Sturm

 

 Endlich war der Kampf vorüber.
Der Sturm hatte sich gelegt.
Sonne lag auf der nun ruhigen Wasserfläche. 
Sie war erschöpft. So erschöpft.
Aber: sie hatte es geschafft, oben zu bleiben.
Ihre Schwester war unter gegangen.
 
 
 


Ein Foto aus Myriades Impulswerkstatt. Danke für die Inspiration.