Dienstag, 23. Juni 2026

Sage nie, Du hast keine Lust...

 

Sage nie, Du hast keine Lust - das Leben sagt: du muszt! 

(alter Poesiealbum-Spruch) 

 


Ja, die Sache mit dem Müssen. Wenn das nur immer so einfach wäre!
"Einen Scheisz musz ich" ist das Thema der Blogparade von Silke Geissen. 

Ich denke zurück an meine Mutter. Du muszt dies, du muszt das...und wenns 
ihr nicht schnell genug ging oder ich antwortete "ja, gleich!" , weil ich noch 
spielen wollte... dann kam zurückgeschossen: 
"Nicht gleich, sondern JETZT!" 
 
Am schlimmsten für mich war der Satz "Du muszt jetzt Flöte üben!"
Und dann sasz sie daneben mit dem Metronom. Tack Tack Tack Tack. 
Oh wie habe ich das gehaszt: ein Gerät, dasz mir seinen Rhythmus aufzwang, 
der nun mal nicht der meinige war. Das hab ich als Folter empfunden.
Auch die Querflöte war nicht meins, wurde mir aufgezwungen.
So wie die ganze Musikschule, die mich gar nicht annehmen wollte wegen 
Unmusikalität. Das brauchte alle Überredungskunst meiner Eltern,
 die meinten, ein Mädchen müsse ein Instrument spielen lernen. 

Ich selbst wollte lieber turnen und reiten. Aber das durfte ich nur,
wenn ich dafür auch brav zur Musikschule ging.
Irgendwann hab ich dann alles hingeschmissen, dann wars mit Turnen 
und Reiten eben auch vorbei.
Aber so lief nun mal meine Kindheit. In vielerlei Hinsicht.
Auch für etwas Leckeres zu Essen muszte ich vorher etwas Scheuszliches 
runterwürgen, was so gar nicht mein Ding war. Aber dafür gesund.
Ganz vieles war an Ungeliebtes gekoppelt. Ich hatte höchstens die Wahl, 
dann beides zu lassen. Zu verzichten. Ganz und gar.

Jedenfalls, Mutters Kommandoton war mir derart zuwider, dasz ich beschlosz,
nichts mehr zu müssen, wenn ich endlich allein lebte. 
 
Allerdings kam ich schnell dahinter, dasz es so dann doch nicht läuft.
Ich musz die Kohlen nicht in den 3. Stock tragen, den Ofen nicht 
anfeuern...aber dann wird es halt auch nicht gemütlich. 
Ich musz nicht arbeiten gehn, aber dann ist kein Geld da.
Den Rest besorgte eine Nachbarin, die sich daneben stellte, bis ich die 
Hauswoche - in ihrem Sinne! - korrekt erledigt hatte - - 
 
Man musz ;) eben doch erwachsen werden. 
Weisheit und Erkenntnis kommen etwas später. 
 
*
 
Ich empfinde Sprüche wie "Einen Scheisz musz ich" 
immer als etwas oberflächlich. 
Genau wie manche Esoteriker, die in meinen Augen einfach nur disziplinlos sind. 
 
Nein, ich musz nicht pünktlich zur Verabredung erscheinen, 3h später tuts auch.
Oder gar nicht, weil mir gerade "nicht so danach ist".
Okay, wenn ich wirklich krank bin, sage ich ab.
Ansonsten empfinde ich es jedoch als mangelnden Respekt anderen gegenüber. 
Meine eigene Lebenszeit möchte ich gut nutzen. Aber wie gehe ich dabei
mit der Zeit der anderen um, die da auf mich warten?
Rücksichtsvoll ist das jedenfalls nicht. 
Und das möchte ich schon sein. 
 
Ich musz kein Buch zurückgeben und kein Versprechen einhalten.
Der beste Weg ist, erst gar nichts zu versprechen. 
Keine Verpflichtungen einzugehen.
Aber läuft so ein Miteinander? 
 
 

 
Ich nehme mir relativ viel Freiheit. Zu leben, wie es mir gefällt.
Das erregt bei manchem Spieszer im Kleinstadt-Umfeld Anstosz und Aggression.
Die bekomme ich häufig zu spüren.
Zu bunt gekleidet, zu lebensfroh, zu lässig.
 
Täglich Staub wischen/putzen etc. ist nun mal nicht mein Lebensinhalt.
Das bekam ich neulich sogar in einem Blogkommentar gesagt,
als ich ein Fach meines Bücherregals zeigte. 
Nein, ich hatte es nicht nötig, wenigstens vor dem Foto einmal abzustauben.
Bei mir wird nicht inszeniert.
 
Vieles - im Kleinen - musz ich tatsächlich nicht. Egal, wie andere das finden.
Das weisz ich sehr gut, das praktiziere ich.
Denn es ist eben kein wirkliches Musz. 
Einige Freiheit kann ich mir nehmen.
Darauf bedacht, die der anderen damit nicht einzuschränken.
 
 Aber ganz ohne Pflichten, ohne "Müssen" läuft gar nichts.
Wer das abstreitet, ist für mich nicht glaubhaft. 
 
Ich hasse kochen, auch wenn ich es kann.
Und ich möchte am liebsten niemals in der Küche stehn.
Aber dann haben Schatz und ich kein Mittag.
Und ich esse nun mal gern mit ihm zusammen - das ist die andere Seite davon.
Lieferdienst bestellen ist finanziell nicht drin.
Sonst würde ich nur noch "kochen lassen". 
 
Natürlich musz ich auch nicht zur "Tafel" gehn oder zum Foodsharing.
Aber dann ist nix zu Essen da. Gelegentliches Fasten könnte gut sein,
 aber bitte nicht als Dauerzustand! 
 
Ich musz meinen Garten nicht jäten und meine Blumentöpfe nicht gieszen...aber
 Pflanzen sind für mich Lebewesen und ich habe Freude, wenn es ihnen gut geht. 
 
Es ist alles eine Frage der Betrachtung. Und natürlich musz ich mit 
CFS/ME mein Limit gut kennen um es nicht zu überschreiten.
In der Regel praktiziere ich das auch so.
Nur manchmal kommts halt anders. Kommts dicke. C'est la vie!
Nicht alles hängt nur alleine von mir ab.
Auch wenn ich NEIN-Sagen und Entscheidungen fällen gelernt habe. 
 
 
Müssen ist ein ganz blödes Wort. Das steht fest. Und ich mag es nicht.
Doch es gibt, rein verbal, im Deutschen kaum Alternativen.
(sind wir deswegen so korrekt und pflichtbewuszt?)
 
Im Russischen gibt es нужно - дольжно -  надо. 
Nuzhno - dolzhno - nado.
Mehr Abstufung (wobei sich nuzhno eher auf Gegenstände bezieht).
Ich denke diese Worte manchmal. 
Kleine Flucht in eine andere Sprache. Macht manches weniger unerbittlich.
"Ich möchte jetzt kochen" mag ich dagegen auch nicht sagen.
Das ist wohl ein Problem mit der Sprache. 
Die das Denken formt.
 
Und: nein, ich muszte mich jetzt nicht an dieser Blogparade beteiligen ;)
 
 

 
 

3 Kommentare:

  1. Liebe Mascha, vielen Dank für deinen tollen Beitrag. Ich glaube, wir sind da ziemlich auf einer Linie. Ich merke, ich kann da mein Thema noch ein wenig nachschärfen. Mit "Müssen" meine ich das, was so von außen aufgezwungen ist, wie dein Musikunterricht. Und das leckere Essen.

    Deine Müssen-Sachen sind auf eine Art doch Entscheidungen. Finde ich. Du möchtest mit Schatz essen, also kochst du. Mir geht es mit dem Wort eher darum, in die eigene Ermächtigung zu gehen. So wie du es tust. Du holst Zutaten, kochst, isst mit Schatz.

    Die Frage, ob wir Deutschen so pflichtbewusst sind, stelle ich mir auch manchmal. Ich glaube häufig bei anderen ein starkes Hierarchiedenken zu bemerken, das dann wieder zu MÜSSEN führt. Ich glaube, vieles liegt auch an der Generation der im Krieg Geborenen. Da musste man wirklich viel mehr als wir heute müssen, allein um nicht zu verhungern oder getötet zu werden. Und wir haben heute die Ehre, uns damit auseinanderzusetzen. Viele verwenden ja stattdessen das Wort Dürfen, das mag ich fast genausowenig.

    Wir können darüber, glaube ich, lange philosophieren.

    Ich freue mich, dass du, obwohl du nicht musstest, doch an der Blogparade teilgenommen hast.
    Danke.
    Silke

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    1. Guten Morgen liebe Silke,
      das Wort Dürfen hat für mich in dem Zusammenhang einen leicht ironischen Klang, so, wie der Lehrer sagt: "Auch du darfst deine Hausaufgaben machen" (für ein autistisches Kind übrigens keine klare Anweisung - ).
      Das erste, was mir gestern in den Kopf kam, war ein nicht ganz ernstes Lied "Ne nado, ne nado, ne nado" - das musz nicht, das musz nicht... im Sinne von "ist doch nicht nötig!"
      Und dann noch ein Brief, den ich kürzlich bekam, von jemand, die mich nicht wirklich, also nicht persönlich kennt... mit wohlmeinenden Ratschlägen, das ich nicht alles müsse und dann könnte es mir besser gehn (war während eines heftigen Schubs, der inzw. vorbei ist). Und darüber hatte ich mich doch sehr geärgert. Ein bissel spielt das hier noch rein.
      Auf jeden Fall musz ich nichts, was nicht wirklich nötig ist, auf Social Media präsent sein z.B., mich jemandem gegenüber rechtfertigen etc. ich kann das schon unterscheiden. Und ich musz auch nicht alles mitbekommen, FOMO ist nun wirklich nicht mein Problem!
      Ich freue mich, wenn von Dir ein Newsletter kommt, aber: ne nado ne nado ne nado ;)
      LG Mascha

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  2. Du hast mit deinem großartigen Artikel sehr klar gezeigt, wie vielschichtig dieses Thema ist. Was genau ist "müssen"? Viele Dinge müssen wir tun, weil wir die Konsequenzen nicht erleiden möchten. Ich möchte mir die Thematik unter dieser Prämisse anschauen:
    Wo fühle ich mich in vorauseilendem Gehorsam bemüßigt, etwas zu tun, obwohl ich es gar nicht wirklich möchte und auch die Ergebnisse nicht die sind, die ich erreichen möchte? Gerade uns Frauen ist ja über die Jahrhunderte eingebläut worden (auch durch andere Frauen), was wir angeblich alles müssen oder sein müssen.
    LG - Uli

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