Mittwoch, 12. Dezember 2012

Offener Brief von Gitta Peyn zu Hartz IV

Auch wenn dieses Blog eigentlich der Schönheit gewidmet ist
und nicht den Problemen -
diesen Text möchte ich weitergeben
denn er ist für mich
ganz und gar verständlich.
Aus eigener Erfahrung.
Auch wenn ich inzwischen
selbst nicht mehr von Hartz IV lebe...


Guten Morgen, Freunde!

An diesem eigentlich schönen Morgen, an dem der Schnee weiß und
unschuldig die Welt bedeckt und der Nebel meine Augen davor bewahrt,
Horizonte zu erfassen, so dass ich mich im Traum wähnen und glauben
kann, Avalon beginnt am Ende meines Gartens, erreicht mich eine PN einer Frau, die auf Hartz IV angewiesen ist, die mich sehr berührt hat.

Ich möchte euch davon erzählen, denn tagtäglich kommen Menschen zu
mir, von deren Probleme sonst nur andere Betroffene wissen - viele von
ihnen sind Empathen, und Elend und Erniedrigung drücken sie auf eine
Weise herunter, die kaum vorstellbar ist. Der Wahnsinn daran: Ihre
Symptome sind die klassischen klinischer Depression, doch da sie Hartz
IV-Empfänger sind, gibt es niemanden, der sich darum kümmert.
Therapeuten gibt es nicht mehr genug, und wenn, dann drücken sie dir
eine Pille in die Hand. Braucht ein Bedürftiger eine Sitzung, muss er
oft über ein Jahr warten.
Das Leid ist kaum zu ertragen.

Sie sind einsam, sie fühlen sich minderwertig, es gibt keine
Arbeitsplätze für sie, und mit den Sanktionsandrohungen wird ihnen
auch noch das Gefühl gegeben, es sei ihre Schuld, wenn sie keine
finden.

Doch, wovon mir diese Frau erzählte, das ist ein Aspekt, den ich
häufiger zu hören bekomme, und über den wir nachdenken müssen:

Die Beziehungsfähigkeit lässt nach.

Wenn ein Hartz IV-Empfänger oder eine Hartz IV-Empfängerin nicht
längst all seine oder ihre Freunde verloren hat aus Scham oder weil
man sich davon zurückzieht (Elend macht Angst vor der eigenen
Zukunft), sind die Freundschaften doch belastet.
Auch Partner zu finden, ist schwierig. Hat der Partner Arbeit und
Vermögen, stehst du selbst da wie ein Taugenichts, was die Beziehung
belastet. Hat der Partner keine Arbeit und bezieht selbst Hartz IV,
hat die Depression auch bei ihm schon angeklopft oder er steckt selbst
mittendrin.

Die sozial Bedürftigen stehen unter solch heftigem täglichen Stress,
dass die Seele hieran zerbricht. Sie ziehen sich zurück, sie werden
aggressiv, viele ertragen den Druck nicht, und wer
alkoholismusgefährdet ist, der wird abhängig. Und in der öffentlichen
Meinung wird dann das Bild des asozialen Hartz IV-Empfängers erzeugt,
der sich nicht beherrschen kann, der sein Geld ausgibt für Zigaretten
und Alkohol, der sich arbeitsscheu einen faulen Lenz macht, während
ich am Telefon eine 40jährige Frau, alleinerziehend, Mutter dreier
Töchter habe, die mir weinend davon erzählt, dass sie mal wieder ihren
Partner verloren hat, weil sie nicht mehr an sich selbst glauben
kann...

Während ich das schreibe, brennt mir meine Seele - es ist ein Elend,
das wir ändern könnten, doch es wurden solche Vorurteile geschürt,
dass selbst solche, die in vergleichbaren Schwierigkeiten stecken,
nämlich die Niedrigstlohnempfänger, sich lieber in der sozialen
Überlegenheit wähnen, als Mitgefühl zu entwickeln.

Doch, ganz besonders berührt mich, dass niemand mehr für sie da ist.
Die klinische Depression ist eine ernst zu nehmende Erkrankung, und -
für Ignoranten schwer vorstellbar - viele Hartz IV-Empfänger leiden
unter dem Burnout-Syndrome.

Deshalb möchte ich heute einen Wunsch an euch äußern: Bitte, teilt
diesen kleinen Artikel. Er ist nicht korrekturgelesen, man verzeihe
mir die Fehler. Doch er kommt von Herzen: Bitte, entwickelt Mitgefühl.
Wir müssen alle etwas Verzichten lernen, damit diese Welt besser wird,
aber vor allem müssen wir hinsehen. Selbst für einen Normalverdiener
ist es schon schwer, einen Therapieplatz zu bekommen - für Hartz
IV-Empfänger ist das so gut wie unmöglich, ja, es wird ja nicht einmal
die Diagnose erstellt. Dabei sind die Symptome so offen und klar und
deutlich, dass selbst ein blinder Psychologe mit Krückstock sie
erkennen könnte. Aber, auch hierüber liegt der Mantel des Schweigens,
ein weiteres Armutszeugnis unserer Gesellschaft schlägt uns hässlich
ins Gesicht.

Nach meiner Erfahrung, die natürlich subjektiv ist und abhängig davon,
wen ich kenne, ist vermutlich jeder zweite Hartz IV-Empfänger
depressiv, jeder dritte schwer.

Das ist keine Kleinigkeit, das ist ein Drama. Denke dir deine
schlimmsten Sorgen und multipliziere das Gefühl mit 10. Stell dir vor,
du kannst nicht mehr atmen, nicht mehr schlafen, nicht mehr denken.
Alles schnürt dich ein. Es ist kein Raum mehr für dich. Selbstzweifel
fressen Leib und Seele auf. Das Entsetzliche ist, dass dieses Problem
leicht zu lösen wäre, aber es fehlt an Herz in unserer Gesellschaft,
um diese Lösung zu wählen: Das Bedingungslose Grundeinkommen. Und
jetzt komme mir keiner damit, dass die Menschen dann nicht mehr
arbeiten gehen. Das ist aus soziologischer und aus psychologischer
Sicht heraus betrachtet objektiv falsch!

Ich bitte euch: Teilt dies. OCCUPY HEART! Schickt diesen Brief an eure Politiker, stellt ihn auf eure Seiten, macht darauf aufmerksam, dass
die Menschen krank sind an ihrer Seele. Ihre Körper folgen, und wir
schauen weg. Das kann nicht sein, das darf nicht sein.

Wir sind Menschen: Wir sollten uns auch wie solche benehmen.

In aufrichtiger Dankbarkeit für eure Mithilfe - eure Gitta Peyn


Ich selbst hatte 2007
einen längeren Text als Denkanstosz
zur Selbsthilfe verfaszt
welcher auch im I-Net steht:
http://maschakaminski.blog.de/

Aber wie diese Entwicklung zeigt:
es ist wohl nicht aufzuhalten.
Der Abstieg und vor allem
der Verlust der eigenen Würde.
Gerade dagegen
hatte ich damals
anzuschreiben versucht...

- Mascha -

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen