Dienstag, 7. Juli 2026

Von Verlusten und Gänseblümchen

 

 


 

"Über Liebe, Verlust und Aufbruch." lautet das Thema
der Blogparade von Gabi Kremeskötter
 
 
Ich habe Menschen verloren, wie andere auch. 
Durch Tod, Trennung oder weil sie einfach weggezogen sind.
Unerreichbar wurden. 
Das ist schmerzhaft, aber ich habe es meist gut geschafft,
die Trauer kreativ umzusetzen und mit den Verlusten fertig zu werden.
 
Nur in einem Fall gelang mir das nie.
 Das war der Verlust meines Landes. 
Das eines Tages einfach verschwand. 
 
Ganz friedlich wurde es aufgegeben, eingegliedert oder wie man es nennen mag. 
Das Wort Wiedervereinigung hat für mich keinen tröstlichen Klang. 
Die Kräfte, die das Land nur besser machen wollten, wurden ganz schnell übertönt.
Niedergetrampelt. 
 
 Damit einher ging nicht nur für mich der Verlust des
persönlichen Lebens, der eigenen Identität und der gesamten Existenz. 
 
 *
 
Ich konnte zuvor mehrere male in den "Westen" reisen, zu Verwandtenbesuch.
Konnte ein wenig Freiheitsluft schnuppern, Reisezüge erleben, die nicht 
ohrenbetäubend quietschten und Bahnhöfe mit ganz anderem Duft.
Den typischen "Ostmief " - ja den gab es wirklich und nur bei uns.
So, wie vieles andere Vertraute. Das lange verschwunden ist.
 
Ich wäre niemals freiwillig - mit Ausreiseantrag - in den Westen gegangen.
 Dazu liebte ich mein Land viel zu sehr. Hier war ich tief verwurzelt. 
Hier war mein Alltag. Mein Leben. 
 
1989/90 wurde ich Flüchtling, ungewollt und ganz und gar ohne Flucht.
Von vielen Bundesbürgern als eine von "16 Millionen Wirtschaftsflüchtlingen"
betrachtet. Noch heute begegnet mir diese Ansicht.
Und das geht ganz schön an die Substanz. 
 
Von uns aus gesehen war es ein Verlust der gesamten Existenz, nicht nur materiell.
Alltägliche Strukturen weg, die Werke geschlossen, als Konkursmasse verramscht.
Es gab immer jemanden, der daran verdient hat.
Wir selbst waren das aber meist nicht.
Für viele Menschen begann ein Abstieg.
Ein Fall, der tief werden konnte.
 
Nein, ich werde hier nicht meine Geschichte schreiben.
Das würde viel zu lang.
Die ersten zehn Jahre waren die härtesten. 
Ich hab alles versucht, hab gekämpft, alles gegeben, bin fleiszig gewesen.
Weitergebracht hat mich das nicht.
Es hat nicht mal zum Überleben gereicht - ich habe oft Hunger gehabt..
Was fehlte, waren die Connections, die Netzwerke, die Mobilität
und ganz einfach das Geld. Eine Rücklage, ein Grundkapital.
Ohne das man nichts beginnen, nichts aufbauen,
 ja nicht einmal  in eine andere Stadt ziehen kann.
Höchstens mit dem Pappkarton unter eine Brücke. 
 
Die schöne Grenzöffnung, die groszee Freiheit - was ist sie wert,
wenn man nicht einmal mehr in die nächstgröszere Stadt fahren kann? 
Der bessere Lebensstandard, der aber nicht für alle gilt -  

Aufbrüche habe ich etliche gewagt.
 Immer wieder. Voller Elan, voller Illusion.
Gescheitert am Geld, an mangelnder Mobilität oder einfach an der Kleinstadt.
 Am falschen Ort. Im falschen Kontext.
Der Richtige blieb unerreichbar. Fern. 
 
Nach dem Verlust all meiner Bilder - der Besten und Ausstellungsreifen
(ingesamt über 100, die zerstört wurden oder abhanden kamen) 
 konnte ich endgültig nicht mehr.
Das Malen habe ich damals verlernt.
Das ist nie wiedergekommen. 
 
Dazu kam ein Unfall, der mangels Krankenversicherung
nicht ärztlich versorgt werden konnte. So etwas prägt. 
Ein Erschöpfungssyndrom nach einer schweren Krankeit.
 Autismus, der mir vieles nicht leichter gemacht hat.
  
2008 wurde ich aussortiert in die EU-Rente. 
Halbes Existenzminimum zum Leben. Dauerhaft.
Inzwischen ist es zur Altesrente geworden.
 
 
An Aufbrüche denke ich nicht mehr. 
Mich treibt nun nichts mehr an. 
Hab mir mein Leben, so gut es geht, eingerichtet.
Mich auf die begrenzten Möglichkeiten beschränkt.
Da geht schon noch einiges. Eine andere Art Reichtum.
Nichtmaterieller Art.
Und Lebensfreude im ganz Kleinen. 
Ein wenig Kreativität im Alltag musz sein.
Schreiben. Visuelle Stories. 
Oder einfach durchkommen, wenn es schwierig ist 
- das braucht oft ganz viel Kreativität.
 Mit normalem Lebensstil darf ich mich nicht vergleichen.

 
Meine nähere Umgebung, so wie ich sie seinerzeit geliebt hab
und niemals verlassen wollte... gibt es so nicht mehr. 
Die Natur und die Landschaft sind weitgehend zerstört und zubetoniert.
 Mit Gewerbegebieten und Riesenmärkten übersät,
die teils schon wieder leer stehen. Abgerissen werden.
Gebaut werden nur noch Autostraszen statt menschlicher Wege.
Das Gute des Landes ist fast alles hin.
 
Käme ich heut nach Jahrzehnten der Abwesenheit hierher zurück, 
würde ich es nicht mehr wieder erkennen!
 
 
Heimat geworden ist mir dieses vereinte Land nie. 
Als wirklich vereint empfinde ich es auch nicht. 
Dazu fehlen noch 200 Jahre. Bis sich das wirklich angleicht.
Oder auch nicht. 
Ich bin in diesem Deutschland nie wirklich angekommen. 
Und in den letzten Jahren nimmt die Fremdheit - Befremdung - immer weiter zu. 
 
Ich fühle micht nicht als Deutsche und auch nicht als Europäerin.
Was ja immer nur Westeuropa meint mit all seinem Gröszenwahn.
Der mich so fassungslos macht. 
Ich kann mich mit der jetzigen Gesellschaft und Politik nicht identifizieren.
Und schon gar nicht mit all diesem Kriegsgeschrei.
 Freiwillig würde ich kein Land wählen, das der hochaggressiven NATO angehört.
Real bleibt mir nur die innere Emigration. 
 
 
Nun gibt es nur noch das ganz kleine persönliche Leben.
Tür zu und fertig. Das immer rauhere Klima drauszen lassen.
Osten war immer eine "andere Welt", eine andere Sozialisation.
Keine jahrzehntelang gewachsene demokratische Gesellschaft.
Und heute erst recht keine Spur mehr von Solidarität oder Toleranz. 
Kein Sicherheitsgefühl. Nirgends.
Fremdes, Andersartiges ist wieder ganz und gar unerwünscht. 
War es eigentlich schon immer.
Doch das wird immer härter jetzt. 
 
Das kann man nur irgendwie zu überleben versuchen.
Weghören, wegschauen und sich nicht weiter reindenken
(glücklich, wem solches gelingt!). 
Und dankbar sein für Kleinigkeiten, zu denen sonst niemand hinschaut.
 
Liebe gedeiht im Verborgenen.
So, wie die Gänseblümchen auch. 
 
 

*
 
PS: Autisten kennen keinen Subtext, sondern verwenden Worte rein sachlich
und im einfachen Wortsinn. Die Lesart neurotypischer Menschen, die automatisch
immer vieles zwischen den Zeilen lesen bzw. hineininterpretieren, ist ihnen völlig fremd.
Auch wenn das wohl wenig Zweck hat, möchte ich diesmal darauf hinweisen.
Dieser Text ist nichts weiter als die Beschreibung meines Erlebens und Beobachtens
von Ereignissen in meinen kleinen Umfeld.
Es ist weder Jammerei, noch Anklage noch Vorwurf. 
Einfach nur in Worte gefaszt, wie es für mich war und ist. 

 

1 Kommentar:

  1. Der Text macht deutlich, wie tief der Verlust von Heimat und vertrauten Strukturen wirken kann. Besonders eindrucksvoll ist, dass persönliche Abschiede und kollektive Veränderungen hier nebeneinanderstehen, fast so leise und eindringlich wie die Stimme einer Trauersängerin, die Erinnerungen und Schmerz zugleich hörbar macht.
    Gerade diese Verbindung aus individueller Trauer und historischem Verlust verleiht dem Beitrag eine grosse emotionale Kraft. Er lädt dazu ein, die Erfahrungen anderer ernst zu nehmen und anzuerkennen, dass auch der Verlust eines Landes eine Form von Abschied sein kann.

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