Samstag, 1. August 2026

Ein Patchwork aus Erfahrungen

 

 


Einfach eine Geschichte. 
Entstanden durch den Impuls der 71.Blognacht mit Anna Koschinski:
"Dieser Weg war nicht glanzvoll. Aber wertvoll" 
 
 
Es war eigentlich ein Bildungshaus. 
Eines, in dem ganz viel schief lief.
Voller Dysfunktion, Chaos, subtilem Zwang und Gewalt.
Und ein seltsames Mädchen. Intelligent, doch voller sozialer Blindheit.
Vielleicht hätte man ihr mit Aufmerksamkeit ein wenig mehr beibringen können?
Doch darum kümmerte sich niemand. 
Es gab höchstens Zwang, Strafe und Dressur. 
 
Als sie die Ehe ihrer Eltern sah - da war sie noch ein kleines Mädchen -
beschlosz sie, niemals zu heiraten. Das hat sich im Nachhinein
als richtig und gut für sie erwiesen.
Und es schlieszt die Existenz eines liebevollen Partners, 
getrennt wohnend ... ja nicht unbedingt aus. 
 
Um dem Kontrollwahn der Mutter zu entgehen, die all ihre Briefe und 
Aufzeichnungen las...lernte sie eine Fremdsprache.
Diese leistet ihr bis heute gute Dienste. 
 
Eine zeitlang durfte sie im Theater der Nachbarstadt Ballettstunden nehmen.
So lernte sie sich bewegen und durchhalten, bis der Vorhang fällt.
Auch das eine Lektion fürs Leben. 
 
Doch überall war sie die Fremde. Die Auszenseiterin. Das schwarze Schaf. 
In der Schule oft übel zugerichtet, die Wunden der Seele sah man ja nicht.
Damit endete ihr Kindsein viel zu früh.
Am letzten Tag nahm sie ihr Zeugnis und fühlte sich einer Hölle entronnen. 
 
Nächste Station war eine Schneiderwerkstatt.
Da sie so ungeschickte Hände hatte, sollte sie das Handwerk lernen.
Was sie selbst gern wollte...zählte dabei nicht. 
Es funktionierte so nicht, ihre Nähte blieben krumm und schief. 
Also suchte sie sich bald einen anderen Broterwerb aus.
Einen einfachen und ungelernten.
Und sie zog weg aus dem Elternhaus.
 
Gern hätte sie ein Studium begonnen, aber das war für Auszenseiter,
Unangepaszte des Systems, nicht gar so einfach. 
Sie schaffte die Hürden nicht. Nicht ganz allein.
Und andere Menschen kontakten oder gar um Hilfe bitten - das konnte sie nie. 
 
Also richtete sie sich ein. Ohne Hilfe. Wie es eben ging.
Begann, farbige Stoff-Fetzchen zu sammeln und machte grosze Wandbilder daraus.
Wenn es Kunst ist, dürfen die Nähte schief sein...das ist dann ein Mittel der Gestaltung. 
Farbenfreude und das Gespür dafür hatte sie sowieso. 
Aus Zufällen entstanden Bilder.
Zufälle wurden auch zur Lebensphilosophie. 
 
Um Mobbing in Arbeitsstellen zu umgehen, suchte sie sich selbstständig zu machen.
Damals und in dem Land ziemlich aussichtslos.
Sie schaffte es mit einem Fürsprecher.  Eines der wenigen Male, 
wo sie Hilfe bekam. Ohne darum gebeten zu haben. 
Da glaubte einfach jemand an ihr Talent. 
 
Doch bald darauf brach das Land weg. 
Der Umbruch zerstörte viele Lebensgrundlagen. 
Nachhaltig. Unwiderbringlich.
 
Sie wurschtelte sich durchs Chaos eines ihr fremden Systems.
Bekam keinen Fusz mehr dauerhaft auf den Boden.
Soziale Fähigkeiten zählten mehr als Wissen und Talente und wer ohne Strukturen 
und Netzwerke lebte, sowie ohne Auto-Mobilität...war einfach nur aufgeschmissen.
 
Es ging immer weiter runter. Sie lebte aus Containern, suchte mit
Billigjobs die Wohnung zu halten. War mit allem allein.
Machte Schichten an der Sex-Line, wenns es gar nicht anders ging.
Das ist ein räudiger Job, und ganz schlecht bezahlt obendrein.
 Aber man braucht dafür weder Auto noch Vorstellungsgespräche. 
Eine, die Not hat, fängt ganz einfach und sofort damit an. 
Und kann genauso unkompliziert wieder aufhören. 
Sie lernte dort viel über Menschen. Nicht nur über Männer.
Auch über Frauen(verhalten) und Beziehungskram. 
Manche wollten nur einmal ganz offen reden oder suchten Rat. 
Auch die Hintergründe von Sklavenspielen - die so gar nicht ihr Ding waren - 
wurden verständlich. Erst mit Wissen kann man verstehen statt zu verurteilen. 
 
Und in jedem noch so miesen Job gab sie ihr Bestes.
Und lernte etwas dazu. Das war dann wieder zu anderem nütze.
 
Eine Offenbarung für sie waren die ersten Begegnungen mit Berbern. 
Landstreichern. Obdachlosen.
Das erste mal, dasz sie so etwas wie Zugehörigkeit erfuhr. 
Akzeptiert wurde, wie sie war. Da gab es menschlich gute Zeiten.
Doch wie alles zwei Seiten hat... gab es auch dort Gewalt, archaische
und zutiefst patriarchale Strukturen, Gesetze, Riten.
Verläszlichkeit und Beständigkeit sind in solcher Minimalexistenz
nicht mehr gegeben. Daran ist niemand schuld.
Das bringt es so mit sich.
Und auch die Erkenntnis, dasz das kein Leben für sie ist.
Da sie doch immer eine verläszliche Ordnung 
und einen Rückzugsort für sich brauchte. Unbedingt.
 
Diesen fand sie dann auch, wieder durch ein Wunder. 
Ein Dach überm Kopf, das ihr nun sicher war.
Ein Überleben, das all ihre Kreativität erforderte, blieb es trotzdem.
Plötzlich konfrontiert mit desolaten Lehmwänden und anderen 
Bauproblemen ohne das nötige Geld.
Aber auch sowas gehört zum Lernprozesz.
 
Im dazugehörigen Garten hat sie ihren grünen Daumen entdeckt.
Wobei sie vorher nie einen Garten wollte.
Ohne diesen zu leben ist nun nicht mehr vorstellbar. 
 
In einer Zeit ohne Krankenversicherung lernte sie sich selbst zu helfen.
Auch nach einem Unfall (Kreuzbandrisz) half sie sich ganz allein.
Auch solches erworbenes Wissen nutzt ihr bis jetzt.
 
Einige Jahre lang malte sie - groszformatig und in leuchtenden Farben -
doch ihre besten Bilder gingen irgendwo - weit weg - verloren, wurden zerstört. 
Das war schon sehr bitter und so hat sie das Malen verlernt. 
 
Manchmal hatte sie kurzzeitig Glück: mit einer Animationstruppe 
stellte sie eine ganze Bühnenshow auf.
War Autorin, Choreographin, Bühnenausstatterin und Kostümgestalterin
in einem. Für so wenig Geld hätten die sonst niemanden bekommen.
Es machte ihr groszen Spasz, so eine Arbeit hatte sie sich immer gewünscht!
Leider wurde das Projekt nicht weiter gefördert und ähnliches gab
es nie wieder. Nicht in ihrer Kleinstadt.
Aus der herauszukommen ihr unmöglich war.
Für Fahrschule und Auto  hatte es niemals gereicht, 
dieses Leben am untersten Limit und mit stetigen Sorgen. 
 
Das hinterläszt Spuren über die Dauer der Zeit.
So lernte sie, mit einer chronischen Krankheit zu leben. 
Und als sie schon achtundvierzig war, bekam sie die Diagnose Autismus.
Das erklärte vieles und endlich konnte sie sich verzeihen.
Es war nicht ihre Schuld oder Dummheit, dasz so vieles schief gelaufen war.
Sie tickte wirklich anders und es gab nichts, was sie besser hätte hinbekommen können.
So im Alleingang und ohne soziale Zusammenhänge oder nornverbale Signale
zu verstehn. Den Erwartungen der Auszenwelt besser zu genügen war sie nicht fähig.
Erkenntnis als Erleicherung.
Mehr aber auch nicht. 
Man bekommt keinen neuen Planeten nach solcher Diagnose.
Auch keinen geschützten Raum. 
Die Welt und das Umfeld bleiben dasselbe.
Leben geht weiter wie bisher.  
 
Sie hat vieles gelernt und alle Kreativität für den Alltag einsetzen müssen.
Zum Durchkommen. Und um es sich schön zu machen.
Auszerhalb jeglichen normalen Lebens.
Da wird sie nie mehr hinkommen, die Rente läszt keinen üblichen Lebensstandard zu.
Und das Alter bringt Einschränkungen mit.
 
Alles hinterläszt Spuren. Die graben sich tief ein.
Aber sie hat ihr Leben life erlebt. Nicht abgeschottet und behütet. 
Lebensfreude, Wissendurst und Neugier sich bewahrt.
Und die Erfahrungen - wie ein Patchwork aus Zufällen zusammengesetzt -
haben sie Verstehen und Toleranz gelehrt. 
Akzeptanz für so manches Fremde, scheinbar Unverständliche.
Das doch immer irgendwo seine Ursachen hat. 
Kein Anlasz für Vorurteil, nur weil man etwas nicht kennt, nicht durchschaut.
 
Angst hat sie so schnell vor nichts. 
Höchstens vor Spieszern und ihrem ewigen Bewerten. 
 
 

 
 

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