Sonntag, 29. Oktober 2017

Noch einmal zur Kultur



Nachdem Astrid Ka uns diesen Monat mit einem so vielfältigen wie schwierigen Thema herausgefordert hat... habe ich nun meinen Lebensgefährten gebeten, 
in einem Gastbeitrag auch noch ein paar von seinen Gedanken dazu zu äuszern.

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Nur ein paar kurze Gedanken von mir. Sie wollen nicht das Phänomen „Kultur“ umfassend behandeln, sondern die Assoziationen wiedergeben, die ich mit „deutscher Kultur“ verbinde.


1. Als erstes assoziiere ich damit die große regionale Vielfalt. Es gibt eine große Spannweite zwischen einem nordfriesischen Dorf in Schleswig-Holstein oder einem Dorf am Boden- oder Königssee. Und auch die Sprachen/Dialekte unterscheiden sich massiv.
Ich habe mir sagen lassen, dass diese Unterschiede gravierender sind als in vielen anderen Sprachgemeinschaften. Das kann ich nicht beurteilen, aber ich schätze diese Vielfalt.


2. Besagte starke Regionalisierung äußerte sich in der vielgeschmähten „deutschen Kleinstaaterei“. Ihre Hochzeit im 19.Jahrhundert war zugleich die Zeit hoher künstlerischer Produktivität. Bis heute hat diese Kleinstaaterei die Folge, dass viele Kulturinstitutionen dezentral verteilt sind. Dass die DDR eine im Weltvergleich extrem hohe Theaterdichte hatte, ist auch eine Folge dieser vielgeschmähten Kleinstaaterei, die aber - ich wiederhole mich – eben auch produktive Vielfalt war.


3. Ich sehe mit Bedauern, dass vieles aus deutscher Tradition in Vergessenheit gerät. Viele traditionelle Heilweisen sind z.B. im Laufe des bismarckschen Einheitsstaates massiv bekämpft worden. Überhaupt markiert diese Zeit den deutlich sichtbaren Untergang vorindustrieller Kultur, Lebensweisen und vielleicht auch Lebensweisheiten. Aber dafür ist auch vieles hinzugekommen!
Überhaupt sehe ich, dass in Deutschland viel Wissen über seine fernere Vergangenheit untergegangen ist: Wir wissen kaum etwas über die vorchristliche Zeit, den Umbruch seit dem Mittelalter und den Umschwung zu einem modernen naturwissenschaftlich-technischen Weltbild und dem damit verbundenen Untergang der Vorstellung eines einheitlichen christlichen Kosmos. Vielen sind diese massivsten kulturellen Verwerfungen nicht bewusst!
So plädiere ich für ein Gespräch der Kulturen miteinander, aber auch für ein Gespräch unserer Kultur mit seinen Vergangenheiten. Viele Ängste der Gegenwart relativieren sich in größerer Perspektive ... und dem Bewusstwerden eigener Wurzeln.


4. Ich verkenne nicht, dass sich die Kultur auch fortentwickelt hat. Ich schätze die heute größere Offenheit und Internationalität ... sowohl was den kulinarischen Bereich angeht, das Zusammenleben mit Menschen anderer Herkunft und die Offenheit, sich auch mit philosophischen und religiösen Traditionen anderer Länder und Kontinente auseinanderzusetzen. Das setzt fort, was schon im 12./13. Jahrhundert der deutschen und europäischen Kultur Auftrieb gegeben hat. Die Begegnung mit anderen Traditionen hat die damaligen Erstarrung gelöst und aus Europa einen dynamischen Kontinent gemacht. Die Begegnung mit dem Orient hat Dinge in Bewegung gesetzt, die wir heute als typisch europäisch ansehen, sich in der Tat aber erst in der Begegnung mit anderen Kulturen entwickelt haben. Dazu gehören Banalitäten wie das gereimte Gedicht über das evangelische Pfarrgewand bis hin zur Rezeption und Fruchtbarmachung der aristotelischen Philosophie und der damit ermöglichten Neubewertung erkenntnisleitender Empirie und individueller Forschung.


5. Zu den großen Stärken der Deutschen gehört, dass hier eine kritische Reflexion des Nationalsozialismus möglich war. Sicher nicht bei allen und überall. Zu den Stärken gehört auch die Fähigkeit, sich selbstkritisch zu hinterfragen und übertriebenen Nationalismus – der immer Ausdruck eines in Wirklichkeit schwachen Nationalgefühls ist – nicht nötig zu haben. Das ist absolute Stärke und keine Schwäche!
Zu den Stärken unserer Kultur gehört auch das wachsende Bewusstsein, dass jedes Individuum als Individuum wertvoll ist und dieser Wert nicht gemindert wird durch Geschlechtszugehörigkeit, religiöses Bekenntnis, Krankheit, Behinderung oder durch den sozialen oder materiellen Status. Hier gibt es noch viel Verbesserungspotential und gerade hier gibt es auch rückläufige Tendenzen.


6. Kultur steht also im Austausch mit der Umgebung und verändert sich. Mit anderen Worten: Sie atmet und wächst ... im Sinne von: sie entwickelt sich. Kultur ist ein Erinnerungsraum, der einen großen Vorrat an Bräuchen, Begriffen, Verhaltensweisen, Texten, Interaktionsmodellen etc. bereithält. Dieser Raum ist dynamisch. Wer Kultur als Rückzugsraum vor Veränderungen missbraucht, hat das Wesen der Kultur nicht verstanden.
 Kultur ist etwas Lebendiges und nichts Totes!


7. Kultur ist etwas Lebendiges! Sie atmet und wächst und sie hat ein Bewusstsein ihrer selbst. Nur durch dieses Selbst-Bewusstsein kann sie Neues aufnehmen, gegebenenfalls aber auch Neues abweisen und anderen so die Möglichkeit geben, sich an ihr zu orientieren ... an einem Bewusstsein, das so stark ist, dass es auch in Abstand zu sich selber gehen kann.

- Dr. Hischam Hapatsch - 


Kommentare:

  1. Großartig zusammen gefasst! Vor allem das Zurückgehen in unsere Geschichte bis weit vor Beginn der Neuzeit sollte allen Kleingeistern noch einmal bewusst machen, auf welch reichem Untergrund unsere Kultur wurzelt, auch durch Anregung und Austausch mit "außen". Ja, und genau der Austausch und die Dynamik im Laufe der Jahrzehnte, ja Jahrhunderte macht Kultur an sich aus. Und die Selbstreflexion, indem man einen Schritt zurückgeht und aus der Distanz betrachtet, finde ich unverzichtbar. Kultur ist immer im Begriff sich selbst zu überholen, auch wenn das Vergangene im gedächtnis bewahrt bleibt.
    DANKE für diesen Beitrag!
    Herzlichst
    Astrid

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  2. Vieles empfinde ich ähnlich, ohne in der Lage zu sein, dass so präzise und dich verständlich ausdrücken zu können... Danke, dass es auch diesen Beitrag noch zu Astrids Monatsthema gibt! Und ja, Kultur ist etwas Lebendiges. Lieben Gruß Ghislana

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  3. schön geschrieben
    eine Kultur die keine Impulse von aussen bekommt kann nicht leben
    sie fällt dann irgendwann in sich zusammen und stirbt wie ein toter Baum
    Kultur erneuert sich (oder fast)nicht aus sich selber heraus..
    denn sie bewahrt ja nur
    liebe Grüße
    Rosi

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