Montag, 8. Juni 2026

Vom äuszeren Rand

 

 


"Man gönnt sich ja sonst nichts"  war das Thema der 69. Blognacht 
mit Anna Koschinski.
Ich hab auch diesmal mit Abwesenheit geglänzt, weil ich am Abend
einfach zu kaputt und weder kommunikations-noch denkfähig war.
Wenn der Tag um 4:00 früh beginnt...
 
Aber es fällt mir schon allerhand dazu ein.
 
 
 
Als erstes denke ich an die Art Blogs, die fast nonstop von tollen Reisen,
Ausflügen, Erlebnissen, Restauranttouren berichten  und am Ende des Beitrags
 wird noch die Riesen-Eistüte triumphierend wie eine Fackel ins Foto gereckt. 
Seht her, wir gehören dazu, wir können es uns leisten!
Das sei jedem gegönnt.
Aber auch erschreckend, wie die eigenes Existenz - zumindest die nach
 Auszen getragene, doch vom Konsum bestimmt wird.
 
Klar, dasz das Menschen sind, die etwas leisten.
Damit sie es sich leisten können.
Oder die einfach das Glück haben, am richtigen Ort zu leben, die richtigen
Beziehungen zu haben und den richtigen - gut bezahlten - Job. 
 
Und dann denke ich an die äuszeren/unteren Ränder
der gutbürgerlichen Wohlstandsgesellschaft in unserem Land.
An Menschen, die vor Kriegen, Verfolgung oder Not geflüchtet sind 
und die alles verloren haben.
Im Gastland begegnet ihnen dafür nicht selten Ablehnung und Hasz.
 
Und an die, die immer hier lebten, aber das schützende Dach überm Kopf
durch mannigfaltige Umstände verloren haben.
Man sieht sie im Stadtbild, sie leben sozusagen öffentlich, wenn auch
 kaum wahrgenommen  - Rückzugsorte haben sie nicht.
 
Leben, aufs Existenziellste reduziert, eine Art realer Minimalismus.
Im Gegensatz zum selbstgewählten Lifestyle, der doch oft nur Fassade ist. 
 
 Nicht alle sind selbst schuld an ihrer Lage. Das wird gern übersehn. 
 
*

Was ich jetzt meine, ist die Grauzone ein klein wenig darüber.
Die sieht man meist nicht. Denn Armut versteckt sich. 
Und sie ist zahlreich. Vielfältig. Abgehängt und ausgeblendet. 
 
Nein, ich rede jetzt nicht vom vielgeschmähten Bürgergeld.
Sondern von Billiglöhnern, bei denen es kaum zum Überleben reicht.
Von prekären Freiberuflern, die ewig und verzweifelt kämpfen. 
Von Renten im mittleren dreistelligen Bereich. 
Häufig bedingt durch Krankheit oder Behinderung. 
 
Das Existenzminumum in Deutschland wurde 2025 auf 11 940 Euro beziffert.
Garantiert gibt es hinreichend Menschen, die längst nicht soviel haben.
Denen die Teilhabe am normalbürgerlichen Lifestyle völlig abgeht.. 
 
" Laut statistischen Erhebungen liegen die durchschnittlichen monatlichen Konsumausgaben für einen Single-Haushalt bei etwa 1.700 Euro 
bis 1.918 Euro". Info im Internet gefunden.
 Aha! 
Konsum heiszt hier wohl: auszerhalb der nötigen Wohn-und Fixkosten. 
 
*
 
 Statistisch nicht erfaszt ist, in wie vielen Wohnungen die Heizung im Winter
 kalt bleibt. Höchstens auf Frostschutz-Niveau läuft. 
Und wie viele Hausfrauen keine Sonntagsmenü-Planung machen,
da die Ernährung längst zum Zufall geworden ist.
Tafel, Foodsharing, Container...- Glücksache eben.
(besonders schwierig bei medizinisch notwendiger Diät)
 
Mit vielem kann man leben. Musz man leben.
Mit dem Wegfall jeglicher Kultur. Kein Theater, kein Kino. Nichts mehr.
Mit der Unmöglichkeit, je den Wohnort zu verlassen, weil ÖV unbezahlbar ist. 
Das tolle Deutschlandticket ist für viele zu teuer.
Oder gar ein Umzug an den Ort, wo man so gerne leben möchte.
Wohnungsfindung ist schwierig ohne nachweisbare Sicherheiten. Umzug kostet.
Da ginge nur Pappkarton unter Brücke. Nicht wirklich eine Option. 
 
Kein Zeitungsabo, kein Seminar, kein Bildungsurlaub. 
Überhaupt niemals eine Reise oder ein Ausflug.
Da bricht dann auch jegliche Sozialstruktur über kurz oder lang weg.
Denn wo treffen sich erwachsene Menschen?
Im netten Café, in der VHS, zu einem Konzertbesuch, auf einem Festival.
Vergisz es! 
(und bald wirst auch du vergessen sein.) 
 
Wenn das über sehr lange Zeiten so geht, wächst daraus eine Hemmschwelle
gegenüber jeglicher Normalität. 
Da geht man nicht mehr einfach in ein Yogastudio oder eine Bibliothek.
Man fühlt sich selbst dann viel zu sehr "drauszen"
und kann die Kluft kaum noch überwinden. 
Und zeigen, anmerken lassen...darf man sich die Armut auf keinen Fall.
Denn das löst bei anderen oft Aggressionen aus, die wohl aus
der Angst vor dem eigenen sozialen Abstieg gespeist werden.
Anders kann ich es mir jedenfalls nicht erklären. 
 
Arme sind schlechtere Menschen. Sind nicht mehr wertvoll an sich.
Das wird einem immer wieder schmerzhaft deutlich gemacht. 
Anfeindungen gibt es auch hier am laufenden Band. 
 
 
So ein Leben mit all seinen Sorgen ist Auszenstehenden kaum zu erklären.
All diese Kleinigkeiten, die da eben im Alltag ganz anders sind.
Das summiert sich unendlich aus scheinbarer Nichtigkeit.
Hier fehlt die Briefmarke... da das Eintrittsgeld. 
Da geht man nicht fix mal etwas Schönes essen und die Eistüte gibt es 
nur ein- bis zweimmal im Jahr.
Man nimmt nicht einfach ein Taxi, wenn man unterwegs 
gestürzt ist und sich ernsthaft verletzt hat. 
Man musz auf die nötige Brille jahrelang sparen.
Sparen heiszt immer: schmerzhafter Verzicht auf fast alles. 
Man wird von Zahnärzten kaum noch behandelt, wenn man 
Privatleistungen von vornherein ablehnt. Ablehnen musz. 
Man wird das gesamte Haushaltsgeld gleich auf einmal in der Apotheke los,
 für Dinge, ohne die es mit zunehmendem Alter nicht mehr geht.
Man weisz kaum noch, wie das Lieblingsgericht eigentlich schmeckte,
wenn die Zutaten dafür nie alle auf einmal vorhanden sind.  
Man stopft ein Loch mit dem anderen, lebt von einem Hammer zum nächsten. 
Wie oft geschieht Unvohersehbares oder es gehen nötige Dinge kaputt. 
Wer seine alltäglichen Probleme mit Geld bewerfen kann, ist fein raus.
 Wer nicht, benötigt eine Menge Kreativität. 
Überlebenskunst eben.
 
Für Menschen, die sich eigentlich nichts gönnen können... wird
"Gönnen" damit zur Lebensnotwendigkeit. Zum Rettungsanker.
Das kleine Wenig-Mehr als Musz. 
 
Das mag jetzt unverständlich klingen:
trotz aller Sorgen, trotz allem Sparzwangs braucht man ab und zu unbedingt
einen Blumenstrausz, einen Schokoladentafel oder sonst etwas "Unnötiges".
Was den Tag heller macht und das eigene Befinden. 
Auch wenn man weisz: das Geld war eigentlich für die Rezeptgebühr.
Oder anderes.  
 
Man gönnt sich ja sonst nichts! 
 
 
Was ich persönlich mir gern und ausgiebig sonst noch gönne:
 
- Phantasie und Spielfreude 
  - die Freude, in den Himmel zu schauen, in die Weite, in die Blumen, 
die Freude an Farben überhaupt - sie sind überall! 
- den Luxus, so oft wie möglich Stille zu genieszen, fern vom zivilisatorischen
Lärm, von Podcasts , TV oder Dudelradio.
- auf natürliche Klänge zu lauschen: Regenrauschen, Frosch- oder Vogelkonzert
- den Luxus, mich farbig und individuell zu kleiden 
(dafür braucht man heute überhaupt nicht viel Geld)
- meine persönliche Umgebung ästhetisch zu gestalten: im Groszen
 kann ich nichts ändern, das Haus nicht sanieren nach meinem Bedarf, ja nicht 
einmal reparieren...aber im Kleinen kann ich Schönheit schaffen um mich herum
- mich mit Grün zu umgeben und auch in den Fugen zwischen den Steinen
Kräuter und Blümchen wachsen lassen  - das belohnt mich nicht nur mit
dem Anblick, sondern auch mit Insektengesumm
- den Luxus des Lesens und einer persönlichen Bibliothek, 
(auch die musz nicht unbediungt so viel kosten)
- ein wenig Lässigkeit: nicht so oft Staub zu wischen, Fenster zu putzen etc. 
- schöne Gemeinschaft mit meinem Schatz 
- überhaupt: Lebensfreude, trotz allem
(auch wenns an manchen Tagen nicht so geht, auch gesundheitlich nicht und das kann schon oft belastend sein)
 


*
 
 
PS:wer jetzt anfängt zu applaudieren und meint: ja,die Freude an den kleinen Dingen - das haben wir immer gesagt 
und den anderen geraten... - bitte sofort aufhören damit! 
Man kennt nie die Umstände und Hintergründe eines anderen Lebens und steckt niemals drin. 
Nicht jeder schafft das so gut - insofern bin ich vielleicht doch noch etwas prilegierter bzw. mit entsprechender Resiliez gesegnet 
und bekomme es doch ganz gut hin.
Aber Ratschläge von Menschen, die nie in entsprechender Situation waren und nicht wissen, was jemand selbst nicht längst alles probiert 
hat und welche Erfahrungen... oder jemanden in Notsituation zu Anträge zu raten, die man selber nie stellen muszte - 
das ist niemals Hilfe, sondern pure Übergriffigkeit.
 
 
 

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